Wenn am Nürnberger Volksfest die ersten Lichter angehen, die Karussells ihre Motoren anwerfen und der Duft von gebrannten Mandeln über den Platz zieht, sieht man vor allem die glänzende Oberfläche: Riesenrad, Zuckerwatte, bunte Lichter, fröhliche Musik. Doch hinter dieser Kulisse steckt eine enorme Arbeit, die oft übersehen wird. Nürnberger Schausteller sind nicht nur Gastgeber eines großen Festes, sie sind Gestalter, Techniker, Manager und Künstler in einem. Denn einer Vereinbarung mit der Stadt zufolge ist der Süddeutsche Schaustellerverband Veranstalter und Gestalter seiner Feste. In nahezu allen anderen Städten werden sie vom kommunalen Marktamt o.ä. organisiert.
Fast alle Schausteller arbeiten außerdem in ihren Familienbetrieben, die häufig über Generationen bestehen. Schausteller ist mehr als ein Beruf, eine Lebensform: Sie ziehen von Stadt zu Stadt, bauen Fahrgeschäfte, Buden und Zelte auf, schaffen innerhalb weniger Tage eine eigene kleine Stadt – und ziehen am Ende wieder ab. Diese nomadische Lebensweise verlangt nicht nur Organisationstalent und Ausdauer, sondern auch eine besondere Form von Kreativität: Jede Attraktion muss so inszeniert werden, dass sie die Menschen in ihren Bann zieht. Die Geisterbahn lebt von handgemalten Fassaden, Lichteffekten und Soundkulissen. Das Karussell wird mit Musik, Nebel und Ansagen choreografiert. Selbst die Imbissbude ist nicht einfach ein Verkaufsstand, sondern wird mit Farben, Logos und Düften in eine kleine Erlebniswelt verwandelt.
Auch der logistische und technische Aufwand ist enorm. Riesenräder und Achterbahnen sind mobile Bauwerke, die nach strengsten Sicherheitsstandards geplant und betrieben werden. Viele Betriebe investieren regelmäßig in neue Attraktionen, die Millionenbeträge kosten können. Gleichzeitig müssen sie das Publikum immer wieder überraschen – mit neuen Ideen, Themen, Geschichten und Effekten. Die Arbeit endet also nicht mit dem Aufbau, sondern beginnt eigentlich erst danach: Das nur schwer zu findende Personal muss geschult, Gäste müssen betreut, Reparaturen erledigt und Programme geplant werden.
Beim Presserundgang zum Herbstvolksfest zeigte sich eindrucksvoll, wie sehr die Schausteller über das klassische Bild des „Rummelbetreibers“ hinausgehen. Der Süddeutsche Schaustellerverband entwickelt Formate wie den Familientag, den „Rosa Montag“ für die queere Community, die „Nacht der 1.000 Lichter“, ein Azubi-Speed Dating auf dem Riesenrad oder neuerdings das „Volksfest Afterwork“. Hier wird deutlich, dass es nicht mehr nur um Fahrgeschäfte als solche geht, sondern um die Schaffung von Erlebniswelten für ganz unterschiedliche Zielgruppen.
Vielleicht lohnt es sich, die Arbeit der Schausteller aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Vieles, was sie leisten, erinnert an Tätigkeiten, die längst selbstverständlich als Teil der Kultur- und Kreativwirtschaft gelten: Gestaltung, Inszenierung, Storytelling, Markenaufbau. Sie verbinden Technik mit Emotion oder Tradition mit Innovation.
Darüber nachzudenken, ob Schausteller nicht ebenso als Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft anerkannt werden sollten, ist daher für den Verband KulturGilde mehr als ein Gedankenspiel. Denn was hier jedes Jahr auf der Nürnberger Festwiese entsteht, ist nicht nur Volksfest – es ist ein Gesamtkunstwerk aus Handwerk, Unternehmertum und Kreativität.






