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UNGEWISS · Forschungsinterview04. November 2026NeurowissenschaftenVirtual RealityGame DesignEmotionen und StressInterdisziplinäre Forschung

Warum sich intensive Angst nicht einfach wegdenken lässt

Was ein virtuelles Hochhaus über Angst, Stress und die Grenzen bewusster Emotionsregulation verrät – sieben Fragen an Dr. Julian Packheiser.

Dr. Julian Packheiser · Neurowissenschaftler

Ruhr-Universität Bochum · Soziale Neurowissenschaften

Auf einem Holzbrett stehen und durch eine VR-Brille in einen Abgrund aus dem 80. Stock blicken: Forschende der Ruhr-Universität Bochum haben untersucht, ob Menschen intensive Angst durch bewusstes Denken regulieren können. Dr. Julian Packheiser erklärt die Ergebnisse und welche neuen Forschungsmöglichkeiten durch Game Design und interaktive virtuelle Welten entstehen könnten.

Einführung der KulturGilde

Für die Studie der Ruhr-Universität Bochum betraten 58 Versuchspersonen mit VR-Brille ein virtuelles Hochhaus. Sie bewegten sich auf einem realen Holzbrett, während die virtuelle Umgebung einen Abgrund aus dem 80. Stock zeigte. Die Forschenden untersuchten subjektive Angst, körperliche Stressreaktionen und Gehirnaktivität mittels EEG.

Eine Gruppe sollte die Situation gedanklich neu bewerten, die andere ihre Aufmerksamkeit auf unmittelbare Sinneseindrücke richten. Zwischen beiden Gruppen zeigten sich keine signifikanten Unterschiede in den untersuchten Angstreaktionen. Gleichzeitig stieg die Alpha-Amylase als Marker der Aktivierung des sympathischen Nervensystems, während der Cortisolspiegel nicht anstieg.

Die 2026 in Hormones and Behavior veröffentlichte Studie baut auf einer früheren Untersuchung mit virtueller Realität auf. Im UNGEWISS-Interview erklärt Dr. Julian Packheiser die Ergebnisse, ihre wissenschaftlichen Grenzen und welche zusätzlichen Möglichkeiten interaktive Forschungsumgebungen aus der Spieleentwicklung eröffnen könnten.

Dr. Julian Packheiser, Neurowissenschaftler an der Ruhr-Universität Bochum
© RUB, Marquardt
Unser Gehirn ist nicht mit VR im Blick entstanden und in den meisten Fällen ist Angst also die völlig korrekte Emotion, wenn man ungeschützt 300m über dem Boden steht.

Das Interview

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Frage der KulturGilde

Bereits in einer früheren Studie aus Ihrem Forschungsumfeld wurde untersucht, wie Menschen auf eine scheinbare Absturzgefahr in virtueller Realität reagieren. Was war wissenschaftlich noch ungeklärt, sodass Sie nun untersuchen wollten, ob sich diese intensive Angst durch bewusstes Denken beeinflussen lässt?

Antwort · Dr. Julian Packheiser

Wir haben tatsächlich in einer früheren Studie untersucht, was in unserem Gehirn passiert und wie Menschen sich verhalten, wenn sie unmittelbarer Angst ausgesetzt sind. Wir haben hier sehr starke körperliche Reaktionen messen können, weshalb es für uns von großem Interesse war, ob diese auch reguliert werden können. Viele Studien zur Emotionsregulation nutzen nämlich keine Reize, die wirklich starke Angst auslösen (bspw. das Anschauen eines bissigen Hundes auf einem Bild). Hier waren wir nicht nur an regulatorischen Prozessen in der subjektiven Empfindung interessiert, sondern auch an Veränderungen im Gehirn.

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Frage der KulturGilde

Ihre Versuchspersonen gingen nicht nur über ein virtuelles Brett, sondern bewegten sich tatsächlich auf einem Holzbrett, während ihre Gehirnaktivität und körperliche Stressreaktionen gemessen wurden. Welche Erkenntnisse ermöglicht diese Verbindung von realer Bewegung und virtueller Bedrohung, die sich mit herkömmlichen Laborversuchen kaum gewinnen lassen?

Antwort · Dr. Julian Packheiser

Die Situation wird durch die Verknüpfung von realen und virtuellen Umgebungen natürlich noch einmal deutlich lebendiger. In der Forschung sprechen wir hier vom Präsenzgefühl, also wie präsent man sich tatsächlich in der virtuellen Umgebung fühlt. Viele Modalitäten sind hier sehr sinnvoll, und wir haben die haptische Empfindung dieses Holzbalkens als sehr effektiv empfunden. Man hätte auch noch weitere Modalitäten einbauen können, z.B., das Aufstellen eines Ventilators, um den Wind zu simulieren. Grundsätzlich wollen wir natürlich, dass Forschung die Realität abbildet und generalisierbar ist. Nur über solche Methoden kann man das Labor aber wirklich an das reale Leben angleichen.

Der Blick durch die VR-Brille in den verschiedenen Versuchsbedingungen, unter anderem im Aufzug am Boden und zu Beginn des Bretts in großer Höhe. Abbildung aus der im Interview besprochenen Studie. Packheiser et al. (2026), Hormones and Behavior 184, 105978, Abb. 1, CC BY-NC 4.0. Lizenz
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Frage der KulturGilde

Obwohl die Teilnehmenden deutliche Angst empfanden und körperlich darauf reagierten, stieg ihr Cortisolspiegel nicht an. Was sagt dieses Ergebnis darüber aus, wie unterschiedlich unser Körper auf Angst und Stress reagiert?

Antwort · Dr. Julian Packheiser

Tatsächlich scheinen diese Prozesse etwas entkoppelt zu sein. Cortisol als Stresshormon reagiert maßgeblich auf psychosozialen Stress, der in unserem Alltag extrem häufig ist (Drucksituationen auf der Arbeit, Beziehungsstress, etc.). Wirklich Angst um unser Leben haben wir tatsächlich seltener in den meisten Fällen, zumindest verglichen mit der Häufigkeit des psychosozialen Stresses in der modernen Gesellschaft. Wir haben nur einen Anstieg von Alpha-Amylase gefunden, das quasi die Aktivierung des sympathischen Nervensystems widerspiegelt. Hier wird unmittelbar Energie bereitgestellt, um beispielsweise zu fliehen. Der Cortisol-Anstieg ist verzögert (ca. 20 min post Stress), weswegen hier keine Energie für Flucht bereitgstellt wird. Das passt also tatsächlich gut zur Literatur, dass nicht jeder Stress gleich ist und so unmittelbare, bedrohliche Angst das Cortisolsystem eigentlich gar nicht stimuliert.

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Frage der KulturGilde

Ihre Versuchspersonen wussten, dass keine wirkliche Absturzgefahr bestand, empfanden aber dennoch intensive Angst. Welche Erkenntnisse Ihrer Untersuchung lassen sich möglicherweise auf andere Formen von Angst oder tatsächliche Bedrohungssituationen übertragen, und wo liegen die wissenschaftlichen Grenzen solcher Vergleiche?

Antwort · Dr. Julian Packheiser

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass sich das sehr real anfühlt. Auch wenn wir wissen, dass es nicht real ist, sagt unser visuelles System: Nein, da geht es tief runter, das ist gefährlich. Wir brauchen viel kognitive Kontrolle, um diesen starken sensorischen Input zu überschreiben, und bei einigen Leuten klappt das im Zweifel auch gar nicht. Es zeigt uns also, dass unsere Kapazitäten für die kognitive Einordnung von Situationen durchaus begrenzt sind. Evolutionär macht das auch sehr viel Sinn, dass wir unseren Sinnen erstmal vertrauen, wenn es um akute Lebensgefahr geht. Unser Gehirn ist nicht mit VR im Blick entstanden und in den meisten Fällen ist Angst also die völlig korrekte Emotion, wenn man ungeschützt 300 m über dem Boden steht. Wir sind daher der Meinung, dass die Befunde sich schon sehr gut auf reale Situationen übertragen lassen.

Die Versuchsleitung beobachtet eine teilnehmende Person während der Fahrt im virtuellen Aufzug (A), zu Beginn des Bretts (B) und am Ende des Brettabschnitts (C). Packheiser et al. (2026), Hormones and Behavior 184, 105978, Abb. 2, CC BY-NC 4.0. Lizenz
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Frage der KulturGilde

Ihre Studie verbindet neurowissenschaftliche Messverfahren mit einer in der Game-Engine Unity entwickelten virtuellen Welt. An der Forschung waren verschiedene Fachrichtungen und Hochschulen beteiligt. Welche zusätzlichen experimentellen Möglichkeiten könnten entstehen, wenn sich künftig auch Game Designer, VR-Entwickler oder Gestalter immersiver Erlebnisse aus der Kultur- und Kreativwirtschaft an der Entwicklung solcher Forschungsumgebungen beteiligen würden?

Antwort · Dr. Julian Packheiser

Die Verbindung dieser verschiedenen Institutionen wäre natürlich fantastisch, um flexiblere und interaktivere Umgebungen zu schaffen, die uns deutlich tiefgründigere Fragestellungen untersuchen lassen würden. Die Umgebung, die in unserer Studie benutzt wurde, ist relativ einfach gehalten, bewegt sich praktisch nicht und hat kaum Möglichkeiten zur Interaktion. Es wäre entsprechend unheimlich wertvoll, wenn hier mehr technische Expertise vorhanden wäre, um die Umgebungen realistischer zu gestalten. Genauso wäre es aus inhaltlicher Sicht sehr hilfreich, mit Stakeholdern aus der Wirtschaft oder dem Gesundheitswesen zu arbeiten, um Fragestellungen zu entwickeln, die wirklich relevant sind und nicht nur aus Forschungsperspektive wichtig sind. Translation in den Alltag ist ein wichtiger Bestandteil unserer Forschung, aber häufig wissen wir gar nicht, was für Menschen im Alltag wirklich wichtig ist, das zu wissen.

Ablauf des Experiments: Speichelproben, Einschätzung der eigenen Befindlichkeit, Training zur kognitiven Neubewertung und die Aufgabe in der virtuellen Umgebung. Packheiser et al. (2026), Hormones and Behavior 184, 105978, Abb. 3, CC BY-NC 4.0. Lizenz
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Frage der KulturGilde

In Ihrem Experiment versuchten die Teilnehmenden auf unterschiedliche Weise mit ihrer Angst umzugehen: Eine Gruppe sollte sich die Situation gedanklich weniger bedrohlich vorstellen, die andere konzentrierte sich auf ihre unmittelbaren Sinneseindrücke. Beide Gruppen zeigten vergleichbare Angstreaktionen. Könnte das bedeuten, dass unterschiedliche Strategien ähnlich wirksam sind – oder lässt sich aus Ihrem Experiment gar nicht eindeutig sagen, ob die Angst überhaupt verringert wurde?

Antwort · Dr. Julian Packheiser

Das ist tatsächlich schwer zu sagen. Einerseits kann es wirklich sein, dass diese beiden Strategien gleich gut funktionieren. Es kann aber auch sein, dass gar keine Strategie funktioniert, und das ist gar nicht so unwahrscheinlich. Akute Angst in solchen Situationen ist evolutionär notwendig, um das Überleben zu sichern. Diese Netzwerke im Gehirn sind alt, wohingegen regulatorische Netzwerke eine sehr junge Entwicklung des Nervensystems sind (relativ). Diese zu überschreiben ist also sehr schwierig, und unsere Befunde unterstützen möglicherweise, dass das vielleicht einfach gar nicht möglich ist. Wir brauchen aber neue Studien, um das zu bestätigen.

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Frage der KulturGilde

Ihre Untersuchung wirft neue Fragen darüber auf, wann und wie Menschen intensive Angst regulieren können. Welche bislang unbeantwortete Forschungsfrage würden Sie als Nächstes untersuchen wollen, wenn Ihnen dafür neue experimentelle Möglichkeiten und zusätzliche wissenschaftliche Partner zur Verfügung stünden?

Antwort · Dr. Julian Packheiser

Tatsächlich wäre eine spannende Frage, dass man das in Zukunft etwas besser titriert. Wir haben zwei absolute Extreme in der Studie untersucht (Bodensituation oder 80 Stockwerke in der Höhe). Vielleicht lässt sich das nicht regulieren, aber vielleicht auf dem 10-m-Brett stehen? Außerdem ist unsere Studie durch das EEG leider in ihren Aussagen etwas limitiert. Wenn es die Möglichkeit gäbe, wäre es sehr interessant, dies auch im MRT zu untersuchen, weil die Einblicke in subkortikale Strukturen, die besonders mit Angst verbunden sind, sehr wichtig wären. Allerdings können sich Versuchspersonen aktuell nicht in einem MRT frei bewegen (um genau zu sein, sollen sie das auch nicht). Daher ist das wohl Wunschdenken bis auf Weiteres.

Wissenschaftliche Einordnung

Die Studie zeigt, wie sich intensive Angst unter kontrollierten Laborbedingungen mit Virtual Reality untersuchen lässt. Die bewusste gedankliche Neubewertung führte gegenüber der Vergleichsbedingung zu keiner messbaren Verringerung der Angst. Ob beide Strategien ähnlich wirksam waren oder keine der beiden die Angst wesentlich beeinflusste, bleibt offen.

Für weitere Untersuchungen möchte Julian Packheiser die Bedrohungsintensität differenzierter abstufen. Interaktivere VR-Umgebungen könnten zusätzliche experimentelle Möglichkeiten eröffnen. Dafür sieht er auch Potenzial in der Zusammenarbeit mit Game Designern, VR-Entwicklern und Akteuren aus dem Gesundheitswesen. Wer an einer Zusammenarbeit interessiert ist, kann sich jederzeit bei der KulturGilde melden.

Wissenschaftliche Veröffentlichungen

Wissenschaftliche Grundlage des Interviews

Packheiser, J., Scheele, D., Hube, V., Langer, K., Wolf, O. T., Maymon, C., Ocklenburg, S. & Berretz, G. · 2026

Regulating intense fear: Does cognitive reappraisal attenuate physiological and subjective fear responses in an immersive VR environment?

Hormones and Behavior, 184, 105978 · doi:10.1016/j.yhbeh.2026.105978

Vorgängerstudie von 2023

El Basbasse, Y. et al. · 2023

Walk the plank! Using mobile electroencephalography to investigate emotional lateralization of immersive fear in virtual reality

Royal Society Open Science, 10, 221239 · doi:10.1098/rsos.221239

Interviewpartner

Dr. Julian Packheiser, Neurowissenschaftler an der Ruhr-Universität Bochum
© RUB, Marquardt

Dr. Julian Packheiser

Ruhr-Universität BochumDepartment of Social Neuroscience · Center of Medical Psychology and Translational Neuroscience

Dr. Julian Packheiser forscht zu den neuronalen Grundlagen von Emotionen, Stress und menschlichem Verhalten. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf experimentellen Methoden, mit denen emotionale Reaktionen unter möglichst realitätsnahen Bedingungen untersucht werden können.

Wissenschaftliches Profil