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UNGEWISS · Forschungsinterview20. Oktober 2026InnovationsforschungKreativität und InnovationInterdisziplinäre Forschung

Innovation braucht mehr als Maschinen und laute Ideen

Warum Makerspaces, Gemeinschaften und individuelle Denkprozesse für die Innovationsforschung wichtig sind – drei Fragen an Prof. Dr. Oliver Mauroner

Prof. Dr. Oliver Mauroner · Professor für Technologieorientiertes Innovations- und Gründungsmanagement

Hochschule Hof · Innovations- und Gründungsmanagement

Porträt von Prof. Dr. Oliver Mauroner, Professor für Innovations- und Gründungsmanagement an der Hochschule Hof.
Prof. Dr. Oliver Mauroner, Professor für Technologieorientiertes Innovations- und Gründungsmanagement an der Hochschule Hof. Bildnachweis: Prof. Dr. Mauroner
Ein 3D-Drucker macht noch keinen Innovationsraum. Und wer in einer Gruppe am überzeugendsten auftritt, hat nicht zwangsläufig die beste Idee.

Nicht jede Erfindung muss ein Start-up werden

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Frage der KulturGilde

UNGEWISS: Ihre Forschung zeigt, dass professionelle und nichtprofessionelle Nutzerinnen und Nutzer die Ressourcen eines Makerspaces unterschiedlich einsetzen. Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die Förderung früher Ideen? Müssen wir uns von der Vorstellung lösen, dass jede interessante Erfindung zwangsläufig in eine Unternehmensgründung münden sollte?

Antwort · Prof. Dr. Oliver Mauroner

Ja, davon sollten wir uns unbedingt lösen. Eine Unternehmensgründung kann ein hervorragender Weg sein, eine Idee in die Anwendung zu bringen – aber sie ist eben nur ein Weg unter mehreren. Eine Erfindung kann auch in ein bestehendes Unternehmen transferiert, lizenziert, als Open-Source-Lösung verbreitet, gemeinsam mit Partnern weiterentwickelt oder zunächst schlicht als Lern- und Experimentierprojekt verfolgt werden.

Unsere Forschung zu Makerspaces zeigt sehr deutlich, wie unterschiedlich Innovationsprozesse verlaufen können. Professionelle und nichtprofessionelle Nutzer greifen auf die vorhandenen Ressourcen unterschiedlich zu. Für Hobby-Maker kann ein Makerspace beispielsweise über einen längeren Zeitraum eine Art Inkubator darstellen, in dem eine Idee technisch entwickelt wird und zugleich Wissen, Kontakte und erste finanzielle Ressourcen zugänglich werden. Professionelle Nutzer bringen dagegen häufig bereits eigene Ressourcen mit und nutzen einen Makerspace gezielter als Schnittstelle zu Spezialwissen, Technologien oder externen Partnern.

Unsere neueren Untersuchungen unter mehreren hundert Makern unterstreichen zudem, dass auch deren Motive sehr unterschiedlich sind. Manche suchen vor allem Wissen, andere schätzen die gemeinsame Entwicklung, wieder andere interessieren sich stärker für konkrete wirtschaftliche Chancen. Das ist für Innovationsförderung ein wichtiger Befund: Es gibt nicht den einen Innovator und deshalb auch nicht den einen idealtypischen Förderpfad.

Gerade bei frühen Ideen sollten wir deshalb zunächst fragen: Was möchte die Person mit ihrer Idee erreichen, und was braucht die Idee für ihren nächsten sinnvollen Schritt? Die vorschnelle Forderung „Daraus musst du jetzt ein Start-up machen“ kann sogar kontraproduktiv sein. Entrepreneurship bedeutet für mich nicht zwangsläufig Unternehmensgründung. Es bedeutet zunächst, Chancen zu erkennen, Ressourcen zu mobilisieren und etwas Neues in die Welt zu bringen. In welcher Organisationsform das am Ende geschieht, sollte sich aus der Idee und ihrem Kontext ergeben – nicht aus einem vorgegebenen Fördermodell.

Die eigentliche Infrastruktur besteht aus Menschen und Wissen

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Frage der KulturGilde

UNGEWISS: Makerspaces werden häufig zuerst über ihre technische Ausstattung definiert. Ihre Forschung unterscheidet dagegen technologische, soziale, wissensbezogene und finanzielle Ressourcen. Welche dieser Ressourcen werden beim Aufbau eines Makerspaces regelmäßig unterschätzt? Und warum reicht es nicht aus, lediglich 3D-Drucker, Lasercutter und Werkbänke bereitzustellen?

Antwort · Prof. Dr. Oliver Mauroner

Am stärksten unterschätzt werden aus meiner Sicht die sozialen und wissensbezogenen Ressourcen. Einen 3D-Drucker oder einen Lasercutter kann man bestellen. Schwieriger ist es, eine Community aufzubauen, in der Menschen ihr Wissen freiwillig teilen, voneinander lernen und gemeinsam experimentieren.

Genau darin liegt aber häufig der eigentliche Wert eines Makerspaces. Natürlich braucht man Infrastruktur. Aber die Maschine allein löst noch kein Problem. Entscheidend ist beispielsweise, ob jemand da ist, der erklären kann, was mit einer Technologie möglich ist; ob Experten zugänglich sind, die bei sehr spezifischen Problemen weiterhelfen; und ob Nutzerinnen und Nutzer auf Menschen treffen, die eine völlig andere Perspektive oder Kompetenz mitbringen.

Unsere Forschung unterscheidet deshalb technologische, wissensbezogene, soziale und finanzielle Ressourcen. Dabei zeigt sich, dass unterschiedliche Nutzergruppen auch unterschiedliche Kombinationen dieser Ressourcen benötigen. Ein professionelles Entwicklungsprojekt braucht möglicherweise Zugang zu einem hochspezialisierten Experten, während ein Hobbyprojekt stärker von kontinuierlichem Mentoring und einer unterstützenden Community profitiert.

Die technische Ausstattung ist damit gewissermaßen die sichtbare Oberfläche eines Makerspaces. Die eigentliche Innovationsinfrastruktur besteht zu einem erheblichen Teil aus Beziehungen, Vertrauen und Wissen. Und genau diese Ressourcen lassen sich nicht einfach kaufen. Man kann Bedingungen schaffen, unter denen eine Community wachsen kann, durch Offenheit, geeignete Veranstaltungen, gute Betreuung und interessante gemeinsame Projekte. Aber eine funktionierende Innovationsgemeinschaft lässt sich nicht am Reißbrett konstruieren. Sie braucht Zeit.

Warum die lauteste Idee nicht immer die beste ist

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Frage der KulturGilde

UNGEWISS: Sie haben sich auch mit den Grenzen klassischer Gruppenarbeit und dem sogenannten „New Groupthink“ beschäftigt. Besteht in offenen Innovationsformaten die Gefahr, dass besonders präsente, kommunikative oder gruppenkonforme Personen den Prozess dominieren? Wie müssen Ideenfindung, Makerspaces und auch Juryverfahren gestaltet werden, damit ungewöhnliche oder zunächst leise Ideen eine faire Chance erhalten?

Antwort · Prof. Dr. Oliver Mauroner

Diese Gefahr besteht in praktisch allen Gruppenprozessen. Menschen unterscheiden sich darin, wie schnell sie sprechen, wie selbstbewusst sie ihre Position vertreten und wie wohl sie sich in sozialen Situationen fühlen. Dadurch entsteht leicht der Eindruck, dass die sichtbarste oder am überzeugendsten vorgetragene Idee automatisch die beste sei.

Genau mit diesem Problem haben wir uns in unserer Forschung zum sogenannten „New Groupthink“ beschäftigt. Unsere Ergebnisse sprechen dafür, Gruppenarbeit nicht einfach mit Kreativität gleichzusetzen. Insbesondere introvertierte Menschen können in klassischen Brainstorming-Situationen Nachteile haben. Interessant sind deshalb hybride Verfahren, in denen Phasen individueller Ideenentwicklung und gemeinsamer Diskussion miteinander kombiniert werden.

Für Innovationsprozesse bedeutet das: Nicht jede kreative Phase sollte eine Gruppendiskussion sein. Man kann Menschen zunächst unabhängig voneinander Ideen entwickeln oder Bewertungen abgeben lassen und erst anschließend diskutieren. Wechselnde Kleingruppen können helfen. Schriftliche oder digitale Beiträge können Menschen eine Stimme geben, die sich in einer großen Runde weniger schnell äußern. In bestimmten Situationen kann auch eine zumindest teilweise Anonymisierung sinnvoll sein.

Dasselbe gilt aus meiner Sicht für Juryprozesse. Wenn alle sofort gemeinsam diskutieren, besteht die Gefahr eines frühen „Anchoring“: Die erste starke Meinung beeinflusst die nachfolgenden Bewertungen. Deshalb kann es sinnvoll sein, zunächst individuelle Einschätzungen festzuhalten und diese erst danach zusammenzuführen. Die Diskussion bleibt wichtig – aber sie sollte unterschiedliche Urteile sichtbar machen und nicht vorschnell vereinheitlichen.

Innovationsprozesse brauchen damit paradoxerweise beides: Austausch und Rückzug, Kooperation und individuelles Denken. Kreativität entsteht nicht automatisch dadurch, dass möglichst viele Menschen möglichst lange miteinander reden.

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