ForschungsprojektForschung & Praxis

SZENEWISSEN

Wie kulturelle Szenen Wissen, Fähigkeiten und berufliche Wege hervorbringen

Viele berufliche Wege in der Kultur- und Kreativwirtschaft beginnen früher, als sie in Statistiken oder Lebensläufen sichtbar werden. Menschen organisieren erste Konzerte, gestalten Plakate für eine Band, arbeiten an Aufnahmen, lernen Veranstaltungstechnik kennen oder übernehmen Verantwortung in einer Crew. Was zunächst Teil einer kulturellen Szene ist, kann später für einen Beruf, ein Projekt oder ein Unternehmen wichtig werden.

Mit SZENEWISSEN untersucht die KulturGilde diesen Übergang genauer. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Fähigkeiten und Arbeitsweisen innerhalb kultureller Szenen entstehen, wie Erfahrungen weitergegeben werden und welche Bedingungen dazu beitragen, dass aus eigener kultureller Praxis später professionelle Tätigkeit werden kann.

Festivalbühne im Abendlicht: große LED-Screens mit Live-Bildern, dichtes Publikum vor der Bühne und ein leuchtendes Riesenrad im Hintergrund
Foto: Roland Weiniger

Der Ausgangspunkt: Krautrock als Wissensraum

Den Anstoß gab ein Forschungsprojekt der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. PD Dr. Sebastian Dümling untersucht ab März 2027 unter dem Titel „Krautrock-Erzählungen. Wissensökologien, ländliche Avantgarden und posthumane Imaginationen in der BRD (1967–1979)", wie innerhalb der damaligen Krautrock-Szene Wissen entstand und weitergegeben wurde.

Dabei geht es unter anderem um technische Experimente, um den Umgang mit Instrumenten und anderen Gegenständen sowie um die Rolle gemeinsamer Orte und Festivals. Das Projekt eröffnet damit einen Blick auf Musikgeschichte, der für die heutige Kultur- und Kreativwirtschaft anschlussfähig ist: Kreative Entwicklungen entstehen häufig in Zusammenhängen, in denen Menschen gemeinsam ausprobieren, Erfahrungen austauschen und eigene Arbeitsweisen entwickeln.

Die KulturGilde hat diesen Gedanken im Einblick „Was Musikszene für die Kreativwirtschaft leistet" aufgegriffen und auf weitere Szenen übertragen.

Zum Einblick: https://www.kulturgilde.de/einblicke/musikszene-wissen-kreativwirtschaft

Unterschiedliche Szenen, unterschiedliche Lernwege

SZENEWISSEN soll die Unterschiede zwischen einzelnen Musikszenen ausdrücklich sichtbar lassen. Beim Krautrock stehen technische Experimente, neue Produktionsweisen und Formen des Austauschs im Mittelpunkt. Beim Heavy Metal sind über Jahrzehnte eigene Veranstaltungs-, Medien- und Szenestrukturen entstanden, in denen Menschen Erfahrungen mit Organisation, Gestaltung, Technik, Kommunikation oder Produktion sammeln können.

Beim Hip-Hop lässt sich dieser Zusammenhang besonders konkret untersuchen. Das Forschungsprojekt TrapoJa – Transformationen in der postdigitalen Jugendarbeit: HipHop in der kulturellen Bildung des JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis und der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg beschäftigt sich mit Aneignungspraktiken, Netzwerken, Räumen und Formen des Lernens innerhalb der Hip-Hop-Kultur. Erste Veröffentlichungen zeigen, dass kulturelle Praxis, persönliche Netzwerke, Jugendzentren, Studios und digitale Räume für die Weitergabe von Wissen eine wichtige Rolle spielen können.

Auch andere Szenen eröffnen eigene Perspektiven. In der Technokultur werden technische und organisatorische Fähigkeiten häufig innerhalb der Szene und über gemeinsame Praxis vermittelt. Beim Jazz lässt sich untersuchen, wie Erfahrung, Zusammenarbeit und situatives Reagieren zusammenspielen. Solche Unterschiede sind für SZENEWISSEN wichtiger als der Versuch, alle Szenen unter eine gemeinsame Erklärung zu stellen.

Wo kulturelle Praxis beruflich relevant wird

Für die Kultur- und Kreativwirtschaft ist vor allem der Übergang interessant. Wer innerhalb einer Szene aktiv ist, erwirbt möglicherweise Fähigkeiten, die später auch beruflich genutzt werden. Dazu können Gestaltung, Produktion, Technik, Veranstaltungsorganisation, Kommunikation oder der Aufbau von Netzwerken gehören.

Dieser Übergang verläuft allerdings nicht automatisch. Manche Erfahrungen bleiben Teil einer persönlichen kulturellen Praxis. Andere führen zu ersten Aufträgen, zu einer Ausbildung, zu einer selbstständigen Tätigkeit oder zu einem eigenen Unternehmen. Entscheidend ist deshalb, genauer zu betrachten, welche Rolle Orte, Mentoren, Netzwerke, Zugang zu Technik und Möglichkeiten zur eigenen Verantwortung dabei spielen.

Gerade diese Phase wird in der Diskussion über die Kultur- und Kreativwirtschaft bislang selten systematisch betrachtet. Wirtschaftliche Kennzahlen erfassen Unternehmen, Beschäftigung und Umsätze. Viele der dafür wichtigen Fähigkeiten entstehen jedoch früher und unter Bedingungen, die sich mit diesen Kennzahlen nur schwer abbilden lassen.

Forschung und Praxis zusammenführen

SZENEWISSEN verbindet vorhandene Forschung mit Erfahrungen aus der Praxis. Die KulturGilde führt dazu Gespräche mit Forschenden, Veranstaltern, Kreativen und weiteren Menschen, die aus unterschiedlichen Szenen heraus gearbeitet, Projekte entwickelt oder berufliche Wege eingeschlagen haben.

Uns interessiert dabei auch, wo wissenschaftliche Ergebnisse und praktische Erfahrungen voneinander abweichen. Eine Szene kann in unterschiedlichen Städten, Generationen oder kulturellen Zusammenhängen sehr verschieden funktionieren. Deshalb soll SZENEWISSEN keine allgemeingültige Theorie über Musikszenen entwickeln. Ziel ist ein genauerer Blick auf konkrete Mechanismen und Bedingungen.

Dazu gehören beispielsweise die Weitergabe von Erfahrungswissen, die Bedeutung gemeinsamer Räume, der Übergang von eigener Beteiligung zu Verantwortung sowie die Frage, welche Strukturen solche Entwicklungen ermöglichen oder erschweren.

Was aus SZENEWISSEN entstehen soll

Die Ergebnisse werden schrittweise auf der KulturGilde-Website veröffentlicht. Vorgesehen sind Gespräche mit Forschenden, Praxisstimmen aus unterschiedlichen Szenen und vertiefende Einblicke zu einzelnen Fragestellungen. Mit zunehmendem Material sollen die unterschiedlichen Fälle miteinander verglichen und daraus konkrete Schlussfolgerungen für Kultur-, Wirtschafts-, Bildungs- und Förderpolitik entwickelt werden.

Dabei interessiert uns besonders, welche Bedingungen erhalten oder geschaffen werden müssen, damit Menschen innerhalb kultureller Szenen Erfahrungen sammeln, Verantwortung übernehmen und daraus bei Interesse auch berufliche Perspektiven entwickeln können.

Beteiligung

Für SZENEWISSEN suchen wir Forschende und Menschen aus der Praxis, die zu dieser Fragestellung beitragen können. Relevant sind wissenschaftliche Arbeiten ebenso wie konkrete Erfahrungen aus Musik- und Jugendkultur, Festivals, Clubs, Produktion, Technik, Gestaltung, Medien oder Veranstaltungsorganisation.

Wer an solchen Prozessen arbeitet, sie wissenschaftlich untersucht oder aus eigener Erfahrung kennt, kann sich gerne an der weiteren Arbeit beteiligen.

Kontakt

Roland Weiniger

Vorsitzender KulturGilde e.V.

Geplante Bereiche

Diese Bereiche werden schrittweise ergänzt, sobald Material vorliegt.

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