Festivalgelände in der Dämmerung: beleuchtete Bühne, Lichttürme und ein leuchtendes Riesenrad vor tiefblauem Himmel – Aufmacherbild zum Einblick über Musikszenen, Wissen und kreative Infrastruktur.

Foto: Roland Weiniger

Branchenbeobachtung09. September 2026Würzburg

Was Musikszene für die Kreativwirtschaft leistet

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Wie entsteht aus einer Musikszene wirtschaftlich nutzbares Wissen? Ein Forschungsprojekt zu Krautrock führt zu Heavy Metal, Techno, Jazz und zur Frage, welche Rolle Szenen, Festivals, Clubs und Proberäume für die Kultur- und Kreativwirtschaft spielen.

Die Universität Würzburg untersucht Krautrock als Ort der Wissensproduktion. Der Ansatz lohnt einen weiteren Blick. Heavy Metal, Techno und Jazz zeigen auf unterschiedliche Weise, dass innerhalb musikalischer Szenen Fähigkeiten, Arbeitsweisen und wirtschaftliche Strukturen entstehen. Für die Kultur- und Kreativwirtschaft ist das relevant.

Ein Pflug als Schlaginstrument. Ein Moog-Synthesizer im Bauernhaus. Musiker, die aus München oder Hamburg aufs Land ziehen, dort gemeinsam leben und gleichzeitig mit neuer Elektronik experimentieren.

Das sind Beispiele aus der Krautrock-Szene, mit der sich ab März 2027 ein Forschungsprojekt an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg beschäftigen wird. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert das Vorhaben von PD Dr. Sebastian Dümling mit knapp 250.000 Euro. Untersucht werden die Jahre 1967 bis 1979.

Dümling interessiert dabei ein Aspekt, der über Musikgeschichte hinausgeht. Die Szene entwickelte eigene Formen, mit Technik, Gegenständen und Lebensweisen umzugehen. Gegenstände wurden anders genutzt als vorgesehen. Erfahrungen wurden weitergegeben. Festivals dienten als Orte des Austauschs. Das Projekt will untersuchen, ob Populärkultur auf diese Weise selbst Wissen hervorbringen kann.

Für die Kultur- und Kreativwirtschaft steckt darin eine weiterführende Frage. Kreative Arbeit beginnt häufig lange vor dem Zeitpunkt, an dem daraus ein Unternehmen, ein Beruf oder ein vermarktbares Produkt wird.

Vom Experiment zur Szene

Beim Krautrock lässt sich dieser Prozess besonders anschaulich beschreiben. Die Bands verfügten über neue technische Möglichkeiten und entwickelten eigene Anwendungen dafür. Gleichzeitig entstanden Netzwerke, gemeinsame Orte und Formen des Austauschs.

Das Wissen war dabei offenbar nicht vollständig formalisiert. Wer eine neue Klangtechnik entwickelte oder einen Gegenstand musikalisch zweckentfremdete, schrieb darüber kein Handbuch. Andere Musiker konnten die Idee hören, sehen, übernehmen oder verändern.

Festivals spielten dabei eine Rolle. Dümling nennt unter anderem die Essener Songtage, das Burg-Herzberg-Festival und die später entstehenden Umsonst-&-Draußen-Festivals. Dort trafen Musiker aufeinander und gaben Erfahrungen weiter.

Solche Prozesse gibt es weiterhin. Sie sehen nur je nach Szene anders aus.

Heavy Metal und die Infrastruktur einer Szene

Heavy Metal ist dafür ein guter Vergleich, gerade weil die musikalische Entwicklung anders verlief.

Aus dem Genre ist über Jahrzehnte eine eigenständige Infrastruktur entstanden. Dazu gehören spezialisierte Festivals, Labels, Medien, Veranstalter, Merchandising, Grafik, Fotografie, Ton- und Lichttechnik sowie ein Publikum mit teilweise sehr stabilen Bindungen.

Die Forschung beschäftigt sich inzwischen gezielt mit diesen Strukturen. Der 2025 erschienene Sammelband „Menschen, Marken, Moshpits" von Matthias Johannes Bauer und Tom Naber untersucht Metal-Festivals unter anderem hinsichtlich Genre-Identitäten, Lebenswelten der Fans, Markenbildung, regionaler Wirtschaftseffekte, Sicherheit, Digitalisierung und Festivalmanagement.

Damit kommt ein Punkt in den Blick, der für die Kreativwirtschaft besonders interessant ist: Ein Teil der später professionell benötigten Fähigkeiten kann bereits innerhalb einer Szene erworben werden.

Wer Konzerte mitorganisiert, sammelt Veranstaltungserfahrung. Wer für eine Band Plakate oder Merchandising gestaltet, arbeitet praktisch an Gestaltung und Markenbildung. Technik, Fotografie, Musikjournalismus oder Booking haben ähnliche Einstiegspunkte.

Wie groß dieser informelle Qualifikationseffekt tatsächlich ist, wäre eine der Fragen, die sich für ein Gespräch mit Matthias Johannes Bauer anbietet. Seine Forschung zum Festivalmanagement erlaubt dabei einen Blick auf die Stelle, an der Szenestrukturen und professionelle Kulturwirtschaft aufeinandertreffen.

Auch die Marktdaten zeigen, dass Heavy Metal wirtschaftlich relevant bleibt. Rock, Hardrock und Heavy Metal kamen 2025 gemeinsam auf 14 Prozent des deutschen Audio-Streaming-Umsatzes. Beim Vinyl-Umsatz lag der Anteil bei 48 Prozent, bei CDs bei 31 Prozent.

Gerade beim physischen Produkt wäre genauer zu untersuchen, welche Rolle Szenebindung spielt. Vinyl und CDs haben hier weiterhin einen deutlich größeren Stellenwert als in vielen anderen musikalischen Segmenten. Damit bleiben auch Gestaltung, Editionen, Sammlerprodukte und physisches Merchandising wirtschaftlich interessant.

Techno: Wissen wird innerhalb der Szene weitergegeben

Bei der Berliner Technokultur lässt sich der informelle Wissenstransfer besonders klar belegen.

Seit 2024 gehört sie zum bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes. Die Deutsche UNESCO-Kommission beschreibt ausdrücklich, dass Fähigkeiten innerhalb der Technokultur weitgehend autodidaktisch erworben werden. Genannt werden unter anderem das Kuratieren von Musikprogrammen und das Einstellen von Soundsystemen. Wissen wird im direkten Kontakt, auf Veranstaltungen sowie über Magazine, Blogs, Tutorials und Masterclasses vermittelt.

Damit lässt sich der Mechanismus, den das Würzburger Projekt historisch beim Krautrock untersuchen will, an einer bestehenden Szene beobachten.

Menschen lernen innerhalb einer kulturellen Praxis voneinander. Ein Teil dieses Wissens wird später beruflich genutzt.

Beim Techno betrifft das inzwischen ein breites Umfeld aus Musikproduktion, Veranstaltung, Technik, Gestaltung und Kommunikation.

Jazz zeigt eine andere Form kreativer Kompetenz

Jazz erweitert den Blick noch einmal.

Hier ist weniger die technische Infrastruktur interessant als die Arbeitsweise. Improvisation setzt voraus, dass Musiker aufeinander reagieren und Entscheidungen treffen, ohne dass das Ergebnis vorher vollständig festgelegt ist.

Für andere Bereiche der Kreativwirtschaft ist dieser Mechanismus vertraut. Auch in Design, Games, Film oder Werbung entstehen Lösungen häufig während eines Entwicklungsprozesses. Fachwissen allein reicht dafür nicht. Entscheidend ist auch die Fähigkeit, vorhandenes Wissen situativ anzuwenden und auf andere Beteiligte zu reagieren.

Musikszenen können deshalb unterschiedliche Formen kreativer Kompetenz hervorbringen. Beim Krautrock liegt ein Schwerpunkt auf Experiment und Technik. Beim Heavy Metal lassen sich langlebige Szenestrukturen und professionelle Veranstaltungsökonomien untersuchen. Beim Techno ist der informelle Wissenstransfer besonders sichtbar. Jazz zeigt den Wert eingespielter kreativer Zusammenarbeit.

Die Unterschiede sind dabei wichtiger als eine künstliche Gemeinsamkeit der Genres.

Festivals als Teil kreativer Infrastruktur

Besonders deutlich wird der wirtschaftliche Zusammenhang bei Festivals.

In Deutschland finden regelmäßig rund 1.800 Musikfestivals statt. 60 Prozent liegen in Städten und Gemeinden mit weniger als 100.000 Einwohnern. Im Durchschnitt treten bei einem Festival rund 30 Acts auf; etwa 40 Prozent davon werden dem Nachwuchs zugerechnet. Gleichzeitig arbeiten nur 15 Prozent der untersuchten Festivals mit Gewinn, rund 30 Prozent schreiben Defizite.

Bei der Bewertung solcher Veranstaltungen stehen meist Besucherzahlen, Finanzierung und regionale Wertschöpfung im Mittelpunkt.

Für die Kultur- und Kreativwirtschaft gehört ein weiterer Faktor dazu: Festivals bringen Menschen aus einer Branche zusammen und schaffen Möglichkeiten, neue Künstler, Arbeitsweisen und technische Lösungen kennenzulernen. Gerade für Nachwuchs entstehen dort Kontakte und praktische Erfahrungen.

Dieser Effekt ist schwerer zu messen als Ticketumsatz. Für die wirtschaftliche Entwicklung einer kreativen Szene kann er trotzdem relevant sein.

Was daraus für die Kultur- und Kreativwirtschaft folgt

Das Würzburger Forschungsprojekt liefert hierzu noch keine Ergebnisse. Es beginnt erst 2027. Seine Fragestellung legt aber einen Bereich offen, der in der Diskussion über Kulturwirtschaft häufig zu spät betrachtet wird.

Wir beschäftigen uns intensiv mit Unternehmen, Gründungen, Umsätzen und Beschäftigung. Vor diesen wirtschaftlich messbaren Strukturen liegen jedoch häufig Jahre informeller Entwicklung.

Menschen probieren etwas aus. Sie lernen innerhalb einer Szene. Aus ersten Veranstaltungen entstehen professionelle Formate. Aus einem gestalterischen Interesse kann ein Beruf werden. Technische Experimente werden später Teil eines Produkts oder einer Produktion.

Für die KulturGilde ist deshalb interessant, kulturelle Infrastruktur auch unter diesem Gesichtspunkt zu betrachten.

Proberäume, Clubs und Festivals erfüllen sehr unterschiedliche Funktionen. Ihre wirtschaftliche Bedeutung erschöpft sich aber möglicherweise nicht in den dort unmittelbar erzielten Umsätzen. Sie können Orte sein, an denen Kompetenzen entstehen und Kontakte aufgebaut werden, die später in der Kultur- und Kreativwirtschaft genutzt werden.

Genau an dieser Stelle möchte ich mit den Forschenden weiterarbeiten.

Von Sebastian Dümling würde mich insbesondere interessieren, wie sich „Wissen" innerhalb einer Musikszene wissenschaftlich von Stil, Gewohnheit und kultureller Praxis abgrenzen lässt. Ebenso wichtig ist die Frage, welche Voraussetzungen den Austausch innerhalb solcher Szenen begünstigen und ob sich aus der historischen Krautrock-Forschung Rückschlüsse auf heutige kreative Milieus ziehen lassen.

Mit Matthias Johannes Bauer wäre beim Heavy Metal zu klären, welche beruflich nutzbaren Kompetenzen tatsächlich innerhalb der Szene und rund um Festivals entstehen, wie der Übergang zur Professionalisierung funktioniert und welchen Anteil stabile Szenestrukturen am wirtschaftlichen Erfolg entsprechender Veranstaltungen haben.

Dann ließe sich aus dem Würzburger Krautrock-Projekt tatsächlich ein größerer KulturGilde-Einblick entwickeln.

Nicht über vier Musikgenres.

Sondern über einen Teil der Kultur- und Kreativwirtschaft, der bereits arbeitet und lernt, bevor er in einer Wirtschaftsstatistik auftaucht.

Aus der Praxis
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Klaus und Annika RegelsbergerArtefakt Instrumentenbau · Schwabach
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Bezug zur KulturGilde: Forschung, Musikwirtschaft, Kultur- und Kreativwirtschaft, Kreative Infrastruktur, Wissenstransfer

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