Jung von Matt START hat dem Startup-Verband einen Brandbrief vor die Haustür geschrieben. Der Anlass ist gut gewählt. Deutschland verzeichnet viele neue Startups. Im ersten Halbjahr 2026 wurden 3.053 gegründet, mehr als in jedem anderen Halbjahr seit Beginn der Erhebung 2019. Jung von Matt richtet den Blick darauf, was anschließend aus diesen Unternehmen wird.
Die Agentur beschäftigt sich selbst mit jungen Unternehmen und Markenaufbau. Ihr Startup Brand Ranking untersucht, welche jungen B2C-Unternehmen bei Bekanntheit und Markenwahrnehmung tatsächlich bei Menschen ankommen. Die aktuelle Kritik setzt deshalb an einem Punkt an, den wir aus Sicht der Kultur- und Kreativwirtschaft schon länger für wichtig halten.
Eine technische Entwicklung kann funktionieren und trotzdem schwer verständlich sein. Eine Anwendung kann ein Problem lösen und trotzdem umständlich zu bedienen sein. Ein Unternehmen kann ein gutes Produkt entwickeln und trotzdem Schwierigkeiten haben, dafür Vertrauen, Aufmerksamkeit und Kunden zu gewinnen.
Design, User Experience, Storytelling, Markenentwicklung, Film, Fotografie und Kommunikation bearbeiten genau diese Aufgaben.
Ein Algorithmus ist noch kein Produkt
Die KulturGilde hat im Juni die Position Startup-Boom braucht Kreativwirtschaft veröffentlicht. Anlass waren die steigenden Gründungszahlen und die Frage, welche Rolle die Kultur- und Kreativwirtschaft in der Gründungs- und Innovationspolitik spielt.
Unser damaliger Satz passt ziemlich genau in die aktuelle Debatte:
„Ein Algorithmus ist noch kein Produkt. Ein Prototyp ist noch kein Markt. Eine gute Erfindung ist noch keine starke Marke."
Kreative sollten deshalb früher mit am Tisch sitzen. Ein UX-Designer kann bereits während der Produktentwicklung erkennen, wo Nutzer an einer Anwendung scheitern. Ein Kommunikationsprofi kann helfen, ein kompliziertes Angebot verständlich zu erklären. Designer entwickeln Produkte und Marken gemeinsam weiter. Storytelling kann sichtbar machen, welches Problem eine technische Entwicklung überhaupt löst.
Für ein junges Unternehmen können solche Leistungen entscheidend sein. Gerade in der frühen Phase konkurrieren sie allerdings mit vielen anderen Ausgaben: Entwicklung, Personal, Schutzrechte, Technik, Zulassungen oder Vertrieb.
Hier setzt unser Vorschlag für einen Creative Startup Voucher an.
Gründerinnen, Gründer und Unternehmensnachfolger sollen damit ein zweckgebundenes Budget erhalten, mit dem sie professionelle Kreativleistungen einkaufen können. Das kann ein UX-Check sein, eine Markenstrategie, ein Erklärvideo, ein Pressestart, eine neue Website oder Unterstützung beim Markteintritt.
Das Geld erreicht damit zwei Seiten. Junge Unternehmen können Kompetenzen nutzen, die ihnen intern häufig noch fehlen. Kreative Selbstständige und kleine Kreativunternehmen erhalten neue Aufträge und einen besseren Zugang zu Gründungen, Technologie und neuen Geschäftsmodellen.
Kreativwirtschaft gehört in die Gründungsförderung
Der Creative Startup Voucher ist nur ein möglicher Weg. Startup-Zentren können Kreative früher in ihre Programme einbeziehen. Hochschulen können bei Ausgründungen neben Technologie, Finanzierung und Schutzrechten auch Gestaltung, Nutzererlebnis und Kommunikation mitdenken. Wirtschaftsförderungen können Kontakte zwischen Gründungsteams und Kreativunternehmen herstellen.
Dafür müssen keine neuen großen Strukturen aufgebaut werden. Die Kompetenzen sind vorhanden. Designer, Kommunikationsagenturen, Games-Entwickler, Filmschaffende, Fotografen, UX-Spezialisten und andere Kreativunternehmen arbeiten täglich an Produkten, Anwendungen, Marken und der Vermittlung komplexer Inhalte. Sie müssen für junge Unternehmen erreichbar werden.
Jung von Matt START beendet seinen Brandbrief mit der Aufforderung: „Lasst uns reden. Und wichtiger noch: Lasst uns handeln."
Die KulturGilde nimmt diese Einladung gerne auf.
Wir möchten mit Jung von Matt START, Startup-Zentren, Gründerinnen und Gründern, Kreativunternehmen, Hochschulen, Wirtschaftsförderungen und Politik darüber sprechen, wie kreative Kompetenz früher in die Entwicklung junger Unternehmen eingebunden werden kann.
Mit dem Creative Startup Voucher haben wir einen konkreten Vorschlag gemacht. Jetzt interessiert uns, welche Erfahrungen andere gemacht haben und welche Instrumente tatsächlich funktionieren.




