Interview15. Oktober 2026BindlachSoftware und Games

Ein Brettspiel besteht nicht nur aus einer guten Spielidee

Everplay Studio über Ghosttown, Brettspielentwicklung, Playtests und Crowdfunding

Everplay Studio entwickelt in Bindlach das strategische Brettspiel Ghosttown. Das unabhängige Team berichtet, wie Spielmechanik, Illustration, Produktion und Finanzierung zusammenhängen, warum Community-Feedback die Entwicklung verbessert und welche Herausforderungen kleine Spieleentwickler auf dem Weg zur Veröffentlichung bewältigen müssen.

Einführung der KulturGilde

Ein Brettspiel zu entwickeln, das Menschen über viele Partien hinweg begeistert, erfordert erheblich mehr Arbeit, als die fertige Spieleschachtel vermuten lässt. Das oberfränkische Everplay Studio arbeitet seit über zehn Jahren an Ghosttown, einem strategischen Worker-Placement-Spiel, in dem die Spieler ihre Geister weiterentwickeln und geschickt einsetzen müssen. Hunderte Testpartien, Veränderungen an den Spielmechaniken und die Ausarbeitung der Spielwelt gehören zur Entwicklung. Nun bereitet das Team die Veröffentlichung über Kickstarter vor.

Hinter Everplay Studio stehen Julian Lindner, Stefan Schröder, Anna Lewen und Finja Otremba. Das unabhängige Team aus Bindlach hat sich entschieden, Ghosttown selbst auf den Markt zu bringen. Für die KulturGilde berichtet das Studio über die Entwicklung eines Brettspiels, die wirtschaftlichen Anforderungen an kleine Spieleunternehmen und die Bedeutung der Spielergemeinschaft.

Julian Lindner (links) und Stefan Schröder von Everplay Studio mit ihrem Brettspiel Ghosttown.
© Julian Lindner / Everplay Studio
Cover des Brettspiels Ghosttown von Everplay Studio.
© Julian Lindner / Everplay Studio
Ein Brettspiel besteht nicht nur aus einer guten Spielidee.

Das Interview

1
Frage der KulturGilde

Welche Entwicklungsschritte waren nötig, um aus der ersten Idee für „Ghosttown" ein Spiel zu machen, das sich für eine Kickstarter-Kampagne und eine spätere Produktion eignet – und welche Arbeit wird dabei von Außenstehenden am häufigsten unterschätzt?

Antwort · Julian Lindner und Stefan Schröder

Ghosttown ist über viele Iterationen gewachsen. Am Anfang stehen bei uns Mechanik, Thema und vor allem die Frage, welches Spielerlebnis wir eigentlich erzeugen möchten. Danach beginnt ein langer Kreislauf aus Prototyping, Testen, Verwerfen, Überarbeiten und erneutem Testen. Aus Papierprototypen werden irgendwann deutlich ausgereiftere Versionen, Illustrationen und Grafikdesign kommen hinzu, Komponenten müssen definiert und Produktionsmöglichkeiten geprüft werden.

Parallel dazu muss aus einem guten Spiel aber auch ein tatsächlich produzierbares Produkt werden. Materialauswahl, Stückzahlen, Produktionskosten, Verpackung, Versand und die Kommunikation mit dem Hersteller beeinflussen wiederum Entscheidungen im Game Design. Und gleichzeitig muss eine Kickstarter-Kampagne vorbereitet und eine Community aufgebaut werden.

Vielleicht wird genau diese Verzahnung von Außenstehenden am häufigsten unterschätzt: Ein Brettspiel besteht nicht nur aus einer guten Spielidee. Game Design, Illustration, Grafik, Produktion, Projektmanagement, Marketing, Community-Arbeit und Finanzierung laufen irgendwann gleichzeitig – und gerade in einem kleinen Studio werden viele dieser Aufgaben von denselben wenigen Menschen übernommen.

Ghosttown im Spieltest auf einem Tisch.
Ghosttown im Spieltest. Bis aus Spielmechaniken ein marktreifes Brettspiel entsteht, sind zahlreiche Testpartien und Überarbeitungen notwendig. © Julian Lindner / Everplay Studio
2
Frage der KulturGilde

Was braucht ein kleines unabhängiges Spieleteam, um Spielmechanik, Prototypen, Illustrationen, Tests, Materialauswahl und Produktionsvorbereitung finanzieren und miteinander verbinden zu können?

Antwort · Julian Lindner und Stefan Schröder

Natürlich zunächst finanzielle Mittel – aber mindestens genauso wichtig sind aus unserer Erfahrung Zeit, unterschiedliche Kompetenzen und ein gutes Netzwerk.

Als kleines Studio können wir nicht für jeden Arbeitsschritt eine eigene Person beschäftigen. Das bedeutet, dass wir viel selbst lernen und übernehmen müssen und gleichzeitig erkennen müssen, an welchen Stellen externe Expertise notwendig ist. Dazu kommen verlässliche Partner in Produktion und Herstellung sowie vor allem Menschen, die bereit sind, frühe Versionen eines Spiels immer und immer wieder zu testen.

Eine der größten Ressourcen ist deshalb tatsächlich die Community. Ohne Menschen, die ihre Zeit investieren, Prototypen ausprobieren, Fehler finden und ehrliches Feedback geben, wäre die Entwicklung eines Spiels wie Ghosttown kaum möglich.

Die Herausforderung besteht letztlich darin, all diese Bereiche zusammenzubringen, ohne dass einer davon isoliert betrachtet wird: Eine Materialentscheidung beeinflusst den Preis, der Preis beeinflusst die Kampagne, Änderungen an der Mechanik können neue Komponenten notwendig machen und Feedback aus Playtests kann wiederum Auswirkungen auf nahezu alle anderen Bereiche haben.

Spielbrett von Ghosttown mit Fuchs-Illustration.
© Julian Lindner / Everplay Studio
Geisterkarten von Ghosttown auf einem Holztisch.
© Julian Lindner / Everplay Studio
Geisterkatze aus der Ghosttown-Spielwelt.
© Julian Lindner / Everplay Studio
Vier farbige Geisterfiguren von Ghosttown.
© Julian Lindner / Everplay Studio
3
Frage der KulturGilde

Welche Rolle spielen Crowdfunding und der frühe Austausch mit der Spielergemeinschaft für Ihre Entwicklung? Helfen Rückmeldungen dabei, das Spiel besser zu machen, oder entsteht dadurch bisweilen auch ein Spannungsverhältnis zur ursprünglichen gestalterischen Idee?

Antwort · Julian Lindner und Stefan Schröder

Für uns ist der frühe Austausch enorm wichtig. Wir möchten unsere Spiele nicht hinter verschlossenen Türen entwickeln und irgendwann ein fertiges Produkt präsentieren. Playtests und Gespräche mit Spielerinnen und Spielern gehören deshalb fest zu unserem Entwicklungsprozess.

Dabei versuchen wir, Feedback nicht einfach als Wunschliste zu verstehen. Wenn eine Person eine bestimmte Änderung fordert, bedeutet das nicht automatisch, dass genau diese Änderung die richtige Lösung ist. Viel wichtiger ist für uns die Frage, warum diese Person an einer bestimmten Stelle ein Problem hatte. Wenn mehrere Menschen unabhängig voneinander an derselben Stelle stolpern, müssen wir verstehen, was dahintersteckt – und anschließend eine Lösung finden, die weiterhin zu unserer gestalterischen Vision passt.

Dadurch entsteht durchaus manchmal ein Spannungsfeld zwischen Feedback und eigener Idee. Wir empfinden das aber als produktiv. Unsere Aufgabe als Entwickler ist nicht, jede Rückmeldung umzusetzen, sondern zuzuhören, Muster zu erkennen und daraus bessere Designentscheidungen zu treffen.

Crowdfunding ist für uns deshalb mehr als nur eine Finanzierungsmöglichkeit. Im besten Fall entsteht schon vor Veröffentlichung eine Gemeinschaft von Menschen, die das Projekt begleitet, Feedback gibt und sich mit dem Spiel identifiziert.

Über Everplay Studio

Everplay Studio ist ein unabhängiges Brettspielstudio aus Bindlach in Oberfranken. Das Team entwickelt eigene Spiele und verbindet strategische Spielmechaniken mit illustrierten Spielwelten.

Mit Ghosttown arbeitet Everplay Studio an einem Kennerspiel, bei dem die Spieler durch den geschickten Einsatz und die Weiterentwicklung ihrer Geister unterschiedliche strategische Möglichkeiten erschließen. Die geplante Kickstarter-Kampagne soll die Herstellung und Veröffentlichung ermöglichen.

  • Stefan Schröder — Gründer und Lead Game Designer
  • Julian Lindner — Gründer, Game Designer und Allrounder
  • Anna Lewen — Art Lead und Illustratorin
  • Finja Otremba — Illustratorin und Designerin

Team

Julian Lindner, Gründer und Game Designer bei Everplay Studio.
© Julian Lindner / Everplay Studio
Stefan Schröder, Gründer und Lead Game Designer bei Everplay Studio.
© Julian Lindner / Everplay Studio
Anna Lewen, Art Lead und Illustratorin bei Everplay Studio.
© Julian Lindner / Everplay Studio

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