Bei aller Pragmatik ist die Entscheidung für oder gegen ein Manuskript ganz oft vor allem Bauchsache. Der Text muss eine Form von Leidenschaft in uns wachrufen, ein Interesse, wie die Geschichte weitergeht, am besten will man sie gar nicht mehr weglegen. Wir brauchen diese Begeisterung für einen Text, um ihn angemessen vertreten zu können. Und wir müssen auch bereit sein, mindestens ein halbes Jahr unserer Zeit und unserer Arbeitskraft sowie einen ganzen Batzen Geld in dieses Buch zu investieren. Warum uns ein Text begeistert, ist pauschal eigentlich nicht zu sagen. Neben der Begeisterung schauen wir auch, ob uns die Idee gefällt, ob sie vielleicht gar neu ist, was es schon Vergleichbares gibt auf dem Markt, ob uns Sprache und Umsetzung gefallen – und auch, ob der Text seinen selbst gesetzten Anspruch erfüllen kann und „rund“ wird. Wenn das alles zusammenpasst und wir das Buch unbedingt machen wollen, treten finanzielle Erwägungen meist in den Hintergrund.
„Vielleicht erlebt das Buch ja eine unerwartete Renaissance“
Daniel Beskos vom mairisch Verlag über steigende Buchpreise, den schwierigen Zugang zum Buchhandel, den Indiebookday, künstliche Intelligenz und die Zukunft unabhängiger Verlage.
Der Hamburger mairisch Verlag veröffentlicht seit 1999 unabhängige Literatur und andere Buchformate. Verleger Daniel Beskos beschreibt, wie steigende Druckkosten die ohnehin geringen Gewinnspannen weiter verkleinern, warum große Buchhandelsketten schwer zugänglich sind und weshalb der Indiebookday zu einer internationalen Initiative wurde.

Das Interview
mairisch veröffentlicht seit 1999 Bücher abseits des reinen Massengeschäfts. Wie entscheiden Sie, welche Manuskripte eine Veröffentlichung verdienen, und wie gehen Sie damit um, wenn Sie von einem Buch literarisch überzeugt sind, seine wirtschaftlichen Aussichten aber schwer einzuschätzen sind?
Ein Buch kann hervorragende Kritiken bekommen und trotzdem nur wenige Käufer finden. Wie gelangt ein neuer Titel von mairisch tatsächlich in die Buchhandlungen und zu seinen Lesern? An welcher Stelle wird es für einen kleinen Verlag besonders schwierig, sich gegenüber den großen Verlagshäusern zu behaupten?
Gute Kritiken sind zumindest schonmal eine erste Grundlage für einen Verkaufserfolg. Daneben zählt natürlich auch die Empfehlung durch die Buchhändler*innen und durch die Leser*innen selbst – sei es persönlich oder über die sozialen Medien. Für die unserer Titel im Handel haben wir Vertreterinnen, die Buchhandlungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz bereisen. Auf diesem Weg ist es aber nicht einfach, gerade in die großen Buchhandlungsketten hinzukommen, die ihre Hunderten von Filialen aus einem Zentrallager heraus bestücken und dort tendenziell nur sehr gut verkäufliche Titel aufnehmen. Das ist für viele unabhängige Verlage schon eine große Hürde. Das Gleiche gilt für die Medienlandschaft: Die Möglichkeiten für Journalist*innen, Bücher in großen Zeitungen, Magazinen und Radiosendungen vorzustellen, sind massiv zurückgegangen; Social Media kann das nur teilweise (und nur für bestimmte Genres) ersetzen. Also haben es auch hier die großen Erfolgstitel leichter, alles andere findet nicht wirklich statt oder geht eher unter.
Im Januar 2026 haben Sie bei SR kultur auf die steigenden Kosten und das veränderte Leseverhalten hingewiesen. Was hat sich dadurch in der wirtschaftlichen Kalkulation eines Buches verändert? Welche Entscheidungen müssen Sie heute bei Auflagen, Ausstattung oder Verkaufspreisen anders treffen als noch vor einigen Jahren, und welche wirtschaftliche Rolle spielen E-Books inzwischen für einen unabhängigen Verlag wie mairisch?
Die Kosten sind in der Tat massiv gestiegen. Ein Beispiel: Wir haben einen älteren Titel jetzt in drei Jahren dreimal nachgedruckt, jeweils in einer kleinen Auflage von 1000 Stück. Die erste dieser drei identischen Auflagen kostete 3500 Euro, die zweite 4700 Euro, die dritte 5500 Euro. Wir haben zwar den Ladenpreis des Titels von 18,90 Euro auf 22 Euro heraufgesetzt, aber das kann die Herstellungskosten bei weitem nicht ausgleichen. Unsere Bücher müssten eigentlich allesamt über 30 Euro kosten, aber wer soll das bezahlen? Und die veränderten Preise in den Druckereien sind ja nicht die einzigen Steigerungen; es gilt für alle Bereiche. Zugleich sinken die verkaufbaren Auflagen, weil die Anzahl aktiver Leserinnen und Leser weiter abnimmt. Unsere Gewinnspanne war früher schon klein, inzwischen ist sie winzig. Da hilft es nur bedingt, an der Ausstattung (wie etwa Prägungen, Lesebändchen, besonderen Papieren oder Farben) zu sparen – wir wollen ja weiterhin schöne Bücher machen.
Das E-Book hat in den letzten 15 Jahren übrigens erstaunlicherweise nicht die erwartete rasante Entwicklung gemacht – der Marktanteil liegt seit Jahren stabil bei etwa 6 Prozent und ist auch 2025 nur leicht angestiegen. Für unsere Titel gilt das auch – E-Books sind ein solider, aber eher kleinerer Anteil an unseren Verkäufen.
Der mairisch Verlag hat 2013 den Indiebookday ins Leben gerufen, der inzwischen auch international unabhängige Verlage und ihre Bücher ins Blickfeld rückt. Welche konkreten Erfolge konnten Sie mit der Initiative inzwischen erzielen, etwa bei der Aufmerksamkeit für unabhängige Literatur, der Beteiligung von Buchhandlungen oder der Zusammenarbeit zwischen Verlagen? Wie möchten Sie den Indiebookday weiterentwickeln, und welche zusätzlichen Möglichkeiten sehen Sie, noch mehr Leserinnen und Leser für unabhängige Verlage zu gewinnen?
Der Indiebookday war eine sehr überraschende Erfolgsgeschichte – nicht nur, dass im deutschsprachigen Raum von Anfang an (2013) so viele Menschen daran teilgenommen haben, sondern gerade auch die Tatsache, dass die Initiative in andere Länder übergeschwappt ist, sogar bis nach Brasilien. Ich glaube außerdem, dass der Indiebookday nicht nur einen kleinen Beitrag zur Gemeinschaftsbildung unter den unabhängigen Buchhandlungen und Verlagen geschaffen hat, sondern auch einer von vielen Bausteinen in der aktuell laufenden Diskussion um eine strukturelle Verlagsförderung ist – eine Förderung, wie es sie etwa in Österreich und der Schweiz seit Jahren gibt und wie sie hierzulande dringend notwendig wäre. Insgesamt wäre in diesem Zuge in Politik und Gesellschaft eine Anerkennung wichtig, was Kultur für uns leistet, welche sinnstiftende Rolle Kultur in unserem Leben spielt und wie wir die einzigartig vielfältige Buchlandschaft hierzulande unterstützen und wertschätzen können.
Indiebookday 2027: Unabhängige Bücher entdecken

Am 13. März 2027 findet der nächste Indiebookday statt. Die Initiative des mairisch Verlags macht seit 2013 auf Bücher unabhängiger Verlage aufmerksam.
Die Idee ist einfach: Leserinnen und Leser kaufen oder bestellen ein Buch aus einem unabhängigen Verlag, fotografieren es und teilen das Bild unter dem Hashtag #indiebookday in sozialen Netzwerken oder Blogs.
Die Aktion ist längst über den deutschsprachigen Raum hinausgewachsen. Auch in anderen europäischen Ländern und in Brasilien haben sich Menschen beteiligt.
Mehr über den Indiebookday: indiebookday.de
Künstliche Intelligenz verändert längst nicht nur das Schreiben, sondern auch Lektorat, Übersetzung, Illustration und Buchmarketing. Wo sehen Sie für einen unabhängigen Verlag wie mairisch sinnvolle Einsatzmöglichkeiten, welche Erfahrungen haben Sie selbst bereits gemacht und wo ziehen Sie aus qualitativen, wirtschaftlichen oder urheberrechtlichen Gründen Grenzen?
Wir halten uns momentan noch sehr auf Abstand zur KI. Hin und wieder nutzen wir natürlich Übersetzungstools, um Texte aus anderen Sprachen lesen zu können, aber darüber hinaus sehen wir es schon in unserer Verantwortung, die Beteiligten des Kulturbetriebs (Urheber*innen, Gestalter*innen, Lektor*innen, Korrektor*innen usw.) einzubeziehen und nicht zu ersetzen. Bisher erzielt das in der Regel auch immer noch die besseren Resultate. Und wir würden uns auch für ein Label einsetzen, dass „menschgemachte“ Texte als Qualitätsmerkmal hervorhebt.
Viele größere Verlage nutzen KI für interne organisatorische Aufgaben im Herstellungsprozess – für uns mit unseren eher individuellen und wenig standardisierten Abläufen ergibt das nur selten Sinn. Aber in Sachen Recherche und interner Projektabwicklung sehe ich da durchaus Anwendungsmöglichkeiten.
mairisch wurde mehrfach mit dem Deutschen Verlagspreis ausgezeichnet und erhielt 2026 den erstmals vergebenen Innovationspreis. Was bedeuten solche Auszeichnungen und die damit verbundenen Fördermittel für einen unabhängigen Verlag? Ermöglichen sie auch verlegerische Projekte, die sich unter rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten kaum realisieren ließen?
Wir freuen uns sehr über diese erneute Auszeichnung und sie bestätigt uns natürlich in unserer Arbeit und unserem Engagement. Für uns bedeutet sie vor allem ein Arbeiten unter weniger finanzieller Anspannung. Wir können die geplanten Projekte nun besser und ohne größere Sorgen umsetzen, können bei unerwarteten Kosten (die ständig und aus allen Richtungen auf uns zukommen) gelassener bleiben und stabiler in die Planung der folgenden Jahresprogramme gehen. Dennoch müssen wir ja bei allen Veröffentlichungen, die wir planen, zumindest davon ausgehen, dass sie sich rechnen werden.
Die Kurt Wolff Stiftung, deren Vorstand Sie angehören, fordert seit Jahren eine dauerhafte, planbare Verlagsförderung durch Bund und Länder. Vorgeschlagen wird unter anderem ein Fonds, der nicht nur die Buchproduktion, sondern auch Vertrieb, Werbung und digitale Entwicklung unterstützt. Würde eine solche Förderung die strukturellen Wettbewerbsnachteile kleiner Verlage tatsächlich ausgleichen, oder müsste die Politik zusätzlich bei der zunehmenden Konzentration im Buchhandel und Vertrieb ansetzen? Wo sehen Sie aus Ihrer Verlagspraxis den größeren politischen Handlungsbedarf?
Ich glaube, die Buchhandelsstruktur in Deutschland mit ihren dominierenden Konzernen wird sich durch die Politik und zukünftige Eingriffe auch nicht ändern lassen. Und in der aktuellen Lage wäre eine strukturelle Verlagsförderung durchaus die größte für uns erkennbare, realistisch umsetzbare Hilfe für kleinere, unabhängige Verlage. Wenn sie dann finanziell auch noch so gut ausgestattet wäre wie in Österreich, wäre es ein wirklicher Traum – aber das ist vielleicht zu viel verlangt…
Daneben sehen wir es bei der Kurt Wolff Stiftung als unsere Aufgabe, der Politik die gesellschaftliche aber auch wirtschaftliche Relevanz von Kultur im Allgemeinen und einer vielfältigen Buchwelt im Speziellen zu vermitteln. Dieses Bewusstsein ist dort nämlich nicht immer so vorhanden, wie wir es uns wünschen würden. Aber wer weiß, was die Zukunft bringt. Vielleicht erlebt das Buch ja eine unerwartete Renaissance. Die ersten Anzeichen dafür sind da.

Zur Person
Daniel Beskos
Verleger, Literaturveranstalter und Übersetzer
Verleger des Hamburger mairisch Verlags, Literaturveranstalter und Übersetzer. Er organisiert unter anderem das jährliche Literaturfestival HAM.LIT in Hamburg.
Über mairisch Verlag
mairisch ist ein unabhängiger Verlag mit Sitz in Hamburg. 1999 gegründet, ist er seit 2005 im Buchhandel vertreten. Zum Programm gehören Romane, Erzählbände, Sachbücher, Kinderbücher, Hörspiele und Musik.
Der Verlag legt Wert auf hochwertige Gestaltung, sorgfältiges Lektorat und langfristige Zusammenarbeit mit Autorinnen und Autoren sowie weiteren Kreativen. 2013 initiierte mairisch den Indiebookday.
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