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Interview19. Oktober 2026NürnbergMusikwirtschaftDesignwirtschaftSoftware und Games

Musikgeschichte zum Sammeln: Wie Musician Trading Cards Musik neu erlebbar machen

Ralph Christian Schneider entwickelt in Nürnberg ein Sammelkartenkonzept, das Musikvermittlung, Gestaltung und digitale Inhalte miteinander verbindet. Mit Musician Trading Cards (MTC) sollen Menschen Musiker, Komponisten und Musikrichtungen entdecken – von der physischen Karte bis zum unmittelbaren Hörerlebnis über das Smartphone.

Einführung der KulturGilde

Musik ist heute jederzeit verfügbar. Millionen Titel lassen sich innerhalb von Sekunden abrufen. Was dabei zunehmend verloren geht, ist die physische Verbindung zu Künstlern, Werken und Musikgeschichte. Der Nürnberger Musiker und Musikpädagoge Ralph Christian Schneider setzt deshalb auf ein Medium, das aus der Spiele- und Sammelkultur bekannt ist: Trading Cards.

Seine Musician Trading Cards verbinden gestaltete Sammelkarten mit digitalen Inhalten. Ein QR-Code führt zu Musik, Videos und weiterführenden Informationen. Das Konzept nutzt zugleich Mechanismen des Sammelns, Tauschens und Entdeckens, um musikalisches Wissen zu vermitteln. Erfahrungen mit Lernkarten für den Schlagzeugunterricht bilden eine Grundlage der Entwicklung.

Das Projekt verbindet mehrere Teilbranchen der Kultur- und Kreativwirtschaft: Musikwirtschaft, Design, Softwareentwicklung und die Produktion physischer Medien. Daraus entstehen auch unternehmerische Fragen. Wie lassen sich Bild- und Persönlichkeitsrechte für zahlreiche Künstler klären? Welche Partner benötigt ein kleines Kreativunternehmen? Wie lässt sich eine Produktentwicklung finanzieren, bevor feststeht, ob der Markt das Angebot annimmt?

Ralph Christian Schneider hat Musician Trading Cards auch beim Peter-Henlein-Preis 2026 eingereicht. Der Preis bietet eine Plattform für Erfindungen und innovative Entwicklungen mit Bezug zu Franken.

In unserer Praxisstimme spricht Schneider über die Entstehung seiner Idee, Sammelmechanismen in der Kulturvermittlung, Crowdfunding, den Kreativstandort Nürnberg und darüber, welche Unterstützung branchenübergreifende Geschäftsmodelle benötigen.

Porträt von Ralph Christian Schneider, dem Entwickler von Musician Trading Cards.
Ralph Christian Schneider entwickelt Musician Trading Cards in Nürnberg.

Praxisstimme: Ralph Christian Schneider – MTC Musician Trading Cards

1
Frage der KulturGilde

Sie kommen als Musiker und Musikpädagoge aus der Musik selbst. An welchem Punkt entstand die Idee, ausgerechnet die Sammelkarte als Medium zu nutzen – und welches Problem der klassischen Musikvermittlung wollten Sie damit anders lösen?

Antwort · Ralph Christian Schneider

Die Karte ist für mich als Medium grundsätzlich sehr attraktiv, weil sie eine besondere Strahlkraft besitzt. Das sieht man nicht zuletzt am großen Erfolg von Trading Cards in ganz unterschiedlichen Bereichen. Gleichzeitig ist das Format kompakt, haptisch und unmittelbar zugänglich – eine Karte nimmt man gerne in die Hand, schaut sie sich an und beschäftigt sich mit ihrem Inhalt.

Ich hatte mit diesem Medium bereits vor MTC sehr gute Erfahrungen gemacht. Mit den Groove Cards und den Rudiment Cards habe ich zwei Kartensets zum Thema Schlagzeuglernen entwickelt, die ich auch selbst erfolgreich in meinem Unterricht einsetze. Dabei habe ich immer wieder erlebt, dass Karten Interesse wecken und Lerninhalte auf eine sehr niedrigschwellige und praktische Weise vermitteln können.

Genau daraus entstand auch ein wesentlicher Gedanke hinter den Musician Trading Cards. Musik findet heute zu einem sehr großen Teil digital statt. Wir streamen Songs, wechseln innerhalb von Sekunden zwischen Künstlern und Genres und haben kaum noch etwas Physisches in der Hand, das uns dauerhaft mit einer bestimmten Musik, einem Musiker oder einer Epoche verbindet. Klassische Tonträger haben für viele Menschen im Alltag deutlich an Bedeutung verloren.

Mit MTC möchte ich versuchen, einen Teil dieser Lücke zu schließen. Die Karten sollen Musik wieder etwas Greifbares geben. Sie sollen neugierig machen, dazu anregen, einen Künstler näher kennenzulernen, ein neues Genre zu entdecken oder sich mit Musikgeschichte zu beschäftigen. Im Idealfall ist die Karte dabei nicht das Endprodukt der Vermittlung, sondern der Ausgangspunkt für eine weitere Entdeckungsreise in die Musik.

Frühe Visualisierung des Sammelkartenkonzepts Musician Trading Cards mit gestalteten Musikerkarten.
Frühe Visualisierung des Sammelkartenkonzepts Musician Trading Cards.
2
Frage der KulturGilde

Wir erleben immer häufiger, dass physische und digitale Kulturangebote miteinander verbunden werden. Wo liegen aus Ihrer Erfahrung die Stärken einer solchen Verbindung – und was muss man bei der Entwicklung beachten, damit die digitale Ebene das physische Erlebnis tatsächlich erweitert, statt es lediglich zu ergänzen?

Antwort · Ralph Christian Schneider

Die große Stärke liegt für mich darin, dass beide Ebenen genau das leisten können, was sie jeweils besonders gut können. Die physische Karte schafft zunächst Aufmerksamkeit und Neugier. Man nimmt sie in die Hand, betrachtet das Motiv, liest vielleicht die ersten Informationen und möchte im besten Fall mehr über den Musiker oder die Musik erfahren.

Gerade bei Musik stößt ein rein physisches Medium aber natürlich schnell an eine Grenze: Musik muss man hören. Deshalb bietet sich die Verbindung mit dem Smartphone geradezu an. Über einen QR-Code kann der Schritt von der Karte zu weiterführenden Inhalten sehr direkt erfolgen – beispielsweise zu Audio- und Videomaterial oder zusätzlichen Informationen zum Künstler. Nahezu jeder hat das dafür notwendige Gerät ohnehin in der Tasche.

Entscheidend ist für mich dabei, die Hemmschwelle so niedrig wie möglich zu halten. Der Übergang zwischen physischem und digitalem Produkt muss reibungslos funktionieren: Karte entdecken, QR-Code scannen und unmittelbar tiefer in die Musik eintauchen. Wenn zunächst eine komplizierte Registrierung, mehrere Menüs oder technische Hürden überwunden werden müssen, verliert man sehr schnell genau die Neugier, die die Karte zuvor geweckt hat.

Gleichzeitig sollte die digitale Ebene nicht einfach nur Inhalte wiederholen, die bereits auf der Karte stehen. Sie muss einen echten Mehrwert schaffen und dort ansetzen, wo das physische Medium an seine Grenzen kommt. Im Fall von MTC bedeutet das vor allem: Aus einem Bild, einem Namen und einigen Informationen wird plötzlich tatsächlich hör- und erlebbare Musik.

Wichtig ist mir außerdem, dass das physische Produkt trotzdem für sich allein funktioniert. Die Karte sollte auch ohne Smartphone einen eigenen Wert und Sammelreiz besitzen. Die digitale Ebene erweitert dieses Erlebnis – sie sollte es nicht ersetzen. Genau in diesem Zusammenspiel sehe ich das eigentliche Potenzial.

Mockup: Eine MTC-Sammelkarte wird mit dem Smartphone gescannt und führt zu digitalen Inhalten.
Vom physischen Sammelobjekt zu weiterführenden digitalen Inhalten: das MTC-Konzept.
3
Frage der KulturGilde

Sammeln ist weit mehr als der Besitz von Dingen: Menschen ordnen, vergleichen, vervollständigen, tauschen und beschäftigen sich dadurch oft intensiv mit einem Thema. Welches Potenzial sehen Sie in solchen Mechanismen für Kultur- und Wissensvermittlung – und wo liegen ihre Grenzen?

Antwort · Ralph Christian Schneider

Sammeln und Wissensvermittlung liegen eigentlich schon lange sehr nah beieinander. Karteikarten, Vokabelkarten oder Lernkarten funktionieren seit Jahrzehnten nach einem sehr ähnlichen Prinzip: Informationen werden in kleine, überschaubare Einheiten gegliedert, mit denen man sich immer wieder beschäftigt. Dieses Prinzip möchte ich mit MTC auf die Musikvermittlung übertragen.

Der zusätzliche Reiz von Trading Cards liegt für mich darin, dass noch andere Mechanismen hinzukommen. Man sammelt nicht nur, sondern sortiert, vergleicht, vervollständigt und entdeckt Zusammenhänge. Vielleicht hat man zunächst eine Karte von Beethoven oder Miles Davis in der Hand und stößt über das Sammeln plötzlich auf einen Komponisten oder Musiker, den man vorher überhaupt nicht kannte. Genau diese zufälligen Entdeckungen finde ich für die Kulturvermittlung sehr spannend.

Durch das wiederholte Beschäftigen mit den Karten bleiben Namen, Epochen, Genres oder Zusammenhänge zudem oft ganz nebenbei hängen. Wissensvermittlung fühlt sich dadurch weniger nach klassischem Lernen an, obwohl im Hintergrund durchaus ein Lernprozess stattfindet. Auch das Tauschen und gemeinsame Sammeln kann dazu führen, dass Menschen über Musik sprechen und Wissen miteinander teilen.

Natürlich gibt es dabei auch klare Grenzen. Allein in der Musik gibt es eine kaum überschaubare Zahl an Künstlern, Bands, Komponisten und Stilrichtungen. Es wird deshalb niemals möglich sein, Musikgeschichte vollständig auf Karten abzubilden. Jede Edition ist zwangsläufig eine Auswahl und damit auch eine Form von Kuratierung.

Außerdem kann eine einzelne Karte immer nur ein Einstieg sein. Sie kann Interesse wecken und Orientierung geben, aber weder ein ganzes Künstlerleben noch die Bedeutung eines musikalischen Werks vollständig erklären. Deshalb ist mir wichtig, dass der Sammelmechanismus nicht zum Selbstzweck wird. Am Ende sollte nicht nur entscheidend sein, wie selten eine Karte ist, sondern dass sie dazu führt, dass jemand tatsächlich Musik entdeckt, hört und sich intensiver mit ihr beschäftigt.

Vorderseite der MTC-Sammelkarte zu Louis Armstrong.
Rückseite der MTC-Sammelkarte zu Louis Armstrong.

Kartenbeispiel Louis Armstrong – Vorder- und Rückseite.

4
Frage der KulturGilde

Neue Produkte der Kultur- und Kreativwirtschaft entstehen häufig an den Schnittstellen verschiedener Branchen. Bei MTC treffen beispielsweise Musik, Gestaltung, Software, Vermittlung und Produktion aufeinander. Welche Rolle können Netzwerke dabei spielen, die richtigen Kompetenzen und Partner zusammenzubringen – und was müsste ein solches Netzwerk leisten, damit es für ein Kreativunternehmen tatsächlich hilfreich ist?

Antwort · Ralph Christian Schneider

Ein gutes Netzwerk ist für ein Projekt wie MTC enorm wichtig, weil hier sehr unterschiedliche Bereiche zusammenkommen: Musik, Gestaltung, Softwareentwicklung, Vermittlung, Produktion und natürlich auch wirtschaftliche Fragen.

Gerade als kleines Kreativunternehmen kann man unmöglich in all diesen Bereichen selbst Experte sein. Deshalb ist es entscheidend, schnell auf Menschen zugreifen zu können, die entsprechendes Fachwissen mitbringen und gleichzeitig offen dafür sind, an ungewöhnlichen, branchenübergreifenden Projekten mitzuarbeiten.

Für mich sollte ein gutes Netzwerk deshalb mehr leisten, als einfach nur Kontakte zu sammeln. Es sollte in der Lage sein, die richtigen Menschen miteinander zu verbinden. Besonders hilfreich wären beispielsweise kuratierte Expertenpools, direkte Empfehlungen oder offene Feedback- und Sprechstundenformate, in denen man unkompliziert eine konkrete Fragestellung mit Fachleuten besprechen kann.

Gerade bei interdisziplinären Projekten kommt noch hinzu, dass die verschiedenen Branchen oft sehr unterschiedlich denken und arbeiten. Ein Softwareentwickler, ein Druckproduzent und ein Musiker haben jeweils ihre eigene Fachsprache und ihre eigenen Prioritäten. Ein gutes Netzwerk kann hier auch eine Art Übersetzungsfunktion übernehmen und dabei helfen, passende Partner zusammenzubringen.

Wichtig ist für mich außerdem die Niedrigschwelligkeit. Als kleines Unternehmen braucht man häufig keine monatelangen Beratungsprozesse, sondern vielleicht einfach innerhalb weniger Tage den richtigen Ansprechpartner für eine bestimmte technische, rechtliche oder gestalterische Frage. Wenn ein Netzwerk solche Wege verkürzt und verlässliche Kontakte vermittelt, kann das für ein Kreativunternehmen einen sehr großen Unterschied machen.

Am wertvollsten ist ein Netzwerk deshalb aus meiner Sicht dann, wenn daraus echte Zusammenarbeit entsteht – und nicht nur Visitenkarten ausgetauscht werden.

5
Frage der KulturGilde

Sobald reale Musiker, Songs, Bilder und Musikgeschichte Teil eines neuen Angebots werden, spielen Rechte, Lizenzen und Kooperationen eine wichtige Rolle. Wie praktikabel sind die bestehenden Strukturen aus Ihrer Erfahrung für kleinere Kreativunternehmen – und wo entstehen besondere Hürden?

Antwort · Ralph Christian Schneider

Für MTC sind Rechte, Lizenzen und Kooperationen natürlich ein sehr wichtiger Bestandteil. Dabei macht es zunächst einen großen Unterschied, ob man mit historischen beziehungsweise bereits verstorbenen Künstlern arbeitet oder mit lebenden Musikerinnen und Musikern.

Ein großer Vorteil unseres Konzepts ist allerdings, dass MTC selbst keine Musik-, Audio- oder Videoinhalte lizenzieren und bereitstellen muss, wie es beispielsweise bei einer Streaming-Plattform der Fall wäre. Die digitale Ebene dient vielmehr dazu, auf weiterführende Inhalte und offizielle Quellen zu verweisen. Dadurch konzentriert sich die Rechteklärung bei unserem eigentlichen Produkt vor allem auf Bildrechte, Persönlichkeitsrechte und die zulässige Darstellung der Künstler. Das macht die Lizenzierungsstruktur im Vergleich zu vielen anderen Musikplattformen deutlich überschaubarer.

Gerade bei lebenden Künstlern sehe ich gleichzeitig eine große Chance für Kooperationen. Unser Ansatz ist im Grunde sehr partnerschaftlich: Die Künstler müssen zunächst keinen finanziellen Einsatz leisten, weil wir die Entwicklung und Gestaltung der Karte übernehmen. Im besten Fall profitieren sie davon, dass neue Menschen über die Karten auf ihre Musik aufmerksam werden, sie entdecken und vielleicht zu neuen Hörern oder Fans werden. Deshalb sehe ich MTC nicht nur als Produkt, sondern langfristig auch als mögliche Plattform für Künstler und musikalische Entdeckungen.

Die Herausforderung liegt häufig weniger im Grundprinzip als darin, überhaupt die richtigen Ansprechpartner zu finden und die notwendigen Rechte sauber zu klären. Gerade bei Bildmaterial können beispielsweise Künstler, Managements, Fotografen, Agenturen oder andere Rechteinhaber beteiligt sein. Auch bei bereits verstorbenen Künstlern bedeutet das nicht automatisch, dass jedes Foto oder jede konkrete Darstellung frei verwendet werden kann.

Für kleinere Kreativunternehmen ist diese Struktur teilweise schwierig, weil die Rechte sehr verteilt sein können. Wenn man mit vielen Künstlern arbeiten möchte, entsteht allein für Recherche, Kommunikation, Freigaben und Dokumentation ein erheblicher Aufwand.

Trotzdem sehe ich darin für MTC eher eine Herausforderung als ein grundsätzliches Hindernis. Mir ist wichtig, diese Themen von Anfang an ernst zu nehmen und alles rechtlich sauber aufzubauen. Gleichzeitig hoffe ich, dass durch Kooperationen ein Modell entsteht, von dem beide Seiten profitieren: MTC erhält authentische Inhalte und Zugang zu Künstlern, während Musiker über ein neues physisches und digitales Format Menschen erreichen können, die ihnen sonst vielleicht nie begegnet wären.

6
Frage der KulturGilde

Crowdfunding ermöglicht Kreativen, neue Produkte direkt mit ihrem künftigen Publikum zu finanzieren. Wo liegen aus Ihrer Sicht die Chancen dieses Modells – und an welchen Stellen wird unterschätzt, wie viel Arbeit, Vorfinanzierung oder eigenes Risiko hinter einer Kickstarter-Kampagne steckt?

Antwort · Ralph Christian Schneider

Crowdfunding und insbesondere Kickstarter faszinieren mich schon seit vielen Jahren. Ich habe selbst bereits mehrere Crowdfunding-Kampagnen entwickelt und begleitet und sehe darin gerade für kreative Produkte ein sehr spannendes Instrument.

Die große Chance liegt für mich darin, dass man sehr früh ein echtes Marktfeedback erhält. Man präsentiert nicht nur eine Idee in einer theoretischen Marktforschung, sondern Menschen entscheiden tatsächlich, ob sie bereit sind, ein Produkt vorab zu unterstützen. Dadurch bekommt man einen sehr direkten Proof of Concept: Gibt es Interesse? Welche Varianten oder Angebote funktionieren? Wie viele Menschen sind bereit, dafür Geld auszugeben? Gerade bei neuen Kreativprodukten ist das extrem wertvoll.

Zusätzlich entsteht im besten Fall schon vor dem eigentlichen Marktstart eine Community. Die ersten Unterstützer begleiten die Entwicklung, geben Feedback, erzählen anderen von dem Projekt und werden häufig zu besonders engagierten Kunden. Crowdfunding ist deshalb für mich nicht nur Finanzierung, sondern gleichzeitig Markttest, Marketing und Community-Aufbau.

Was allerdings häufig unterschätzt wird, ist der enorme Aufwand vor dem eigentlichen Start der Kampagne. Eine gute Kickstarter-Kampagne beginnt nicht mit einer Idee auf einem Blatt Papier. Man braucht in der Regel bereits einen überzeugenden Prototypen, professionelle Bilder und Videos, eine durchdachte Präsentation, eine belastbare Produktions- und Versandkalkulation und natürlich eine eigene Marketingstrategie.

Deshalb ist Crowdfunding auch keineswegs eine risikofreie Form der Finanzierung. Bevor der erste Euro über die Kampagne eingenommen wird, hat man häufig bereits erheblich Zeit und eigenes Kapital investiert. Auch Prototypen, Muster, Gestaltung, Softwareentwicklung, Marketing oder Werbeanzeigen müssen oftmals vorfinanziert werden.

Und auch nach einer erfolgreichen Kampagne beginnt ein sehr anspruchsvoller Teil erst: Produktion, Qualitätskontrolle, Kommunikation mit den Unterstützern, Logistik und Versand müssen funktionieren. Gerade zusätzliche Stretch Goals oder zu optimistisch kalkulierte Versprechen können ein Projekt schnell komplizierter und teurer machen.

Für kreative Projekte halte ich Crowdfunding trotzdem für eines der interessantesten Modelle überhaupt. Man verbindet Finanzierung mit einem sehr realen Markttest und erfährt frühzeitig, ob aus einer guten Idee tatsächlich ein Produkt werden kann, für das es ein Publikum gibt.

7
Frage der KulturGilde

Sie entwickeln Ihr Projekt in Nürnberg, einer Stadt mit einer langen Spielzeug- und Spieletradition, einer aktiven Musik- und Kreativszene und zugleich einem starken IT-Umfeld. Welche Rolle spielt der Standort für ein Kreativunternehmen tatsächlich – und was bietet Nürnberg beziehungsweise Franken heute, was fehlt möglicherweise noch?

Antwort · Ralph Christian Schneider

Nürnberg ist für MTC tatsächlich ein sehr passender Standort – und natürlich spielt für mich persönlich auch eine Rolle, dass es meine Heimatstadt ist und ich hier sehr gut vernetzt bin.

Die Spielwarenmesse kenne ich schon seit vielen Jahren, sowohl als Besucher als auch aus eigener beruflicher Erfahrung. Allein dadurch gibt es in Nürnberg eine lange Tradition und viel Know-how rund um Spiele, Produkte, Handel und internationale Vermarktung. Mit der akustika ist in den vergangenen Jahren außerdem wieder eine spannende Musikmesse entstanden. Für ein Projekt wie MTC, das sich irgendwo zwischen Musikprodukt, Sammelobjekt und Wissensvermittlung bewegt, ist das natürlich ein interessantes Umfeld.

Hinzu kommt eine sehr lebendige Kreativ- und Gründungsszene. Einrichtungen wie das OM7, Coworking-Angebote und verschiedene Netzwerkformate schaffen Möglichkeiten, mit Menschen aus anderen Bereichen in Kontakt zu kommen. Gleichzeitig gibt es in Nürnberg und der Region eine starke Digital- und Softwarekompetenz – und genau diese Kombination ist für MTC wichtig, weil neben dem physischen Produkt auch eine digitale Plattform entsteht.

Auch musikalisch bietet die Stadt sehr viel. Mit der Hochschule für Musik, Ausbildungsstätten, der MUZ, zahlreichen Clubs und Veranstaltungsformaten wie dem Bardentreffen oder dem Klassik Open Air gibt es eine sehr vielfältige Musiklandschaft. Dazu kommt natürlich auch eine große musikalische Tradition. Johann Pachelbel ist nur eines der bekanntesten historischen Beispiele dafür.

Eigentlich kommen hier viele der Bereiche zusammen, die ich für MTC benötige: Musik, Kultur, Gestaltung, Technologie, Unternehmertum und durch die Spielwarenmesse sogar eine direkte Verbindung zur internationalen Spiele- und Produktwelt.

Wenn ich mir noch etwas wünschen würde, dann vielleicht weniger eine weitere einzelne Institution als noch mehr Verbindungen zwischen diesen bereits vorhandenen Welten. Die Musikszene, die Kreativwirtschaft, die Softwarebranche und die Spielewelt sind jeweils gut aufgestellt. Gerade für Projekte, die genau zwischen diesen Bereichen entstehen, wäre es spannend, wenn diese Netzwerke noch stärker ineinandergreifen würden.

Insgesamt fühle ich mich mit einem Projekt wie MTC in Nürnberg aber sehr gut aufgehoben. Für mich zeigt die Stadt, dass ein innovatives Kreativprodukt nicht zwangsläufig in Berlin, Hamburg oder München entstehen muss.

8
Frage der KulturGilde

Gerade Projekte, die Musik, Design, Software, Bildung und ein physisches Produkt miteinander verbinden, passen nicht ohne Weiteres in die klassischen Branchen- und Förderschubladen. Erleben Sie das in der Praxis als Problem? Was müsste Politik aus Ihrer Sicht verändern, damit kleinere Kreativunternehmen mit solchen branchenübergreifenden Geschäftsmodellen bessere Entwicklungs- und Marktchancen bekommen?

Antwort · Ralph Christian Schneider

Bislang habe ich das tatsächlich noch nicht als konkretes Problem erlebt, wobei MTC natürlich auch noch relativ am Anfang seiner Entwicklung steht. Gleichzeitig merke ich aber schon, dass sich das Projekt nicht eindeutig einer klassischen Branche zuordnen lässt. Es ist ein Musikprodukt, ein physisches Sammelprodukt, ein Bildungsangebot, ein Designprojekt und gleichzeitig entsteht dazu eine Softwareplattform.

Grundsätzlich halte ich diese Verbindung verschiedener Bereiche eher für eine Stärke als für ein Problem. Gerade an solchen Schnittstellen können neue Produkte und Geschäftsmodelle entstehen. Deshalb würde ich mir wünschen, dass Förderstrukturen diese Interdisziplinarität ebenfalls als Chance betrachten und nicht zwingend verlangen, dass ein Projekt eindeutig in eine einzelne Schublade passt.

Für kleinere Kreativunternehmen ist vor allem entscheidend, dass Unterstützung auch praktisch erreichbar ist. Ein Gründer oder kleines Unternehmen hat selten die Ressourcen, sich wochenlang durch verschiedene Programme, Zuständigkeiten und Antragsverfahren zu arbeiten. Hilfreich wären deshalb zentrale Ansprechpartner, die ein Projekt als Ganzes betrachten und anschließend sagen können: Für diesen Teil ist dieses Programm geeignet, für den nächsten jenes.

Gerade in der frühen Produktentwicklung fände ich außerdem niedrigschwellige Fördermöglichkeiten interessant – beispielsweise für Prototypen, Softwareentwicklung, rechtliche Beratung oder erste Markttests. Oft geht es in dieser Phase noch gar nicht um riesige Summen, sondern darum, mit überschaubarem Kapital den nächsten entscheidenden Entwicklungsschritt finanzieren zu können.

Aus meiner bisherigen Erfahrung würde ich deshalb noch nicht sagen, dass die bestehenden Strukturen MTC ausbremsen. Für die Zukunft halte ich es aber für wichtig, dass Politik und Wirtschaftsförderung solche branchenübergreifenden Geschäftsmodelle möglichst als Ganzes betrachten. Denn möglicherweise entstehen gerade dort Innovationen, wo die klassischen Branchengrenzen nicht mehr eindeutig funktionieren.

Backbeat Studio

Musician Trading Cards (MTC) werden über Backbeat Studio entwickelt.

Backbeat Studio ist das Nürnberger Studio von Ralph Christian Schneider für Schlagzeugunterricht und Musikproduktion. Als staatlich geprüfter Ensembleleiter für Rock, Pop und Jazz, zertifizierter Audio Engineer und Fachlehrer verbindet er langjährige Unterrichtserfahrung mit praktischer Bühnen- und Studioarbeit. Seit 2017 bietet das Studio in Nürnberg-Kornburg Einzelunterricht, Aufnahmen und Produktionen – von der ersten Idee bis zum fertigen Mix.

Kontakt Backbeat Studio Inhaber: Ralph Christian Schneider Willy-Spilling-Weg 17 90455 Nürnberg Telefon: 0176 96601208 E-Mail: mail@backbeat-studio.de

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