Künstlersozialkasse reformieren: Gutes Instrument, ungerechtes Verfahren, zu enger Zugang
Die KSK ist ein starkes sozialpolitisches Instrument – aber sie passt in ihrer heutigen Form nicht mehr zur Realität moderner, hybrider und digitaler Kreativarbeit.
Grundposition der KulturGilde
„Die KSK ist richtig. Aber sie muss endlich so modern werden wie die Kreativen, die sie schützen soll."
Die Künstlersozialversicherung ist eines der wichtigsten sozialpolitischen Instrumente für selbstständige Künstlerinnen, Künstler, Publizistinnen und Publizisten in Deutschland. Ihr Grundgedanke ist richtig und erhaltenswert: Wer selbstständig kreativ oder publizistisch arbeitet, soll bei Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung nicht schlechter gestellt sein als abhängig Beschäftigte.
Aber das System passt in seiner heutigen Form nicht mehr ausreichend zur Realität der Kultur- und Kreativwirtschaft. Viele Solo-Selbstständige erbringen überwiegend kreative Leistungen, werden aber dennoch nicht aufgenommen oder scheitern an unklaren Abgrenzungen, Nachweispflichten und bürokratischen Verfahren.
Warum das für Solo-Selbstständige wichtig ist
Solo-Selbstständige in der Kreativwirtschaft haben keine betriebliche Altersvorsorge, keine Lohnfortzahlung und oft keine Rücklagen. Die KSK ist für viele die einzige bezahlbare Möglichkeit, sich im Alter und bei Krankheit abzusichern. Wer am engen Zugang scheitert, fällt durch das Netz – und trägt gleichzeitig die Last eines Systems, das kreative Leistung als abgabepflichtig anerkennt, ohne den Zugang zu erleichtern.
Das Kernproblem
Kreative Leistung wird abgabepflichtig anerkannt, aber nicht immer sozial abgesichert
Das heutige System führt zu einem politischen Widerspruch: Zahlungen an selbstständige Kreative werden in die Bemessungsgrundlage der Künstlersozialabgabe einbezogen – auch dann, wenn diese Personen selbst nicht über die KSK versichert sind oder nicht versichert werden können. Gleichzeitig müssen Solo-Selbstständige, die Schutz über die KSK suchen, ihre Zugehörigkeit oft aufwendig nachweisen.
Alle 12 Forderungen ansehen„Wenn eine kreative Leistung abgabepflichtig genug ist, um die KSK zu finanzieren, muss sie auch schutzwürdig genug sein, um den Zugang zur KSK ernsthaft zu erleichtern."
Die KulturGilde sagt klar
KSK ist das richtige Instrument
Die KulturGilde steht zur KSK. Sie ist eine der wenigen sozialpolitischen Antworten, die die besondere Situation selbstständiger Kreativer ernst nimmt.
Das System passt nicht mehr
Ein gutes Instrument kann ungerecht wirken, wenn es zu eng ausgelegt, zu bürokratisch umgesetzt und zu wenig an moderne Arbeitsrealitäten angepasst wird.
Kein Angriff, sondern ein Update
Die Reformfrage lautet nicht: KSK ja oder nein? Die Reformfrage lautet: Wie wird die KSK ein modernes Sicherungssystem für kreative Solo-Selbstständige?
Hybride Kreativarbeit berücksichtigen
Moderne Kreativarbeit ist interdisziplinär, projektbasiert und hybrid. Das muss die KSK endlich anerkennen.
Wer heute an engen Kategorien scheitert
In der Praxis betrifft das Problem der zu engen KSK-Kategorien unter anderem folgende Berufsgruppen, die überwiegend kreative Leistungen erbringen:
Designerinnen und Designer mit strategischen Beratungsanteilen
Games-Entwicklerinnen und Games-Entwickler zwischen Gestaltung, Story, Code und UX
Kreativberaterinnen und Kreativberater mit Konzept-, Text-, Moderations- und Designanteilen
Freie Dozentinnen und Dozenten in künstlerischen, publizistischen oder medienbezogenen Feldern
Kulturmanagerinnen und Kulturmanager mit kuratorischer, redaktioneller oder dramaturgischer Leistung
Content-Creator, Autorinnen, Autoren, Podcasterinnen, Podcaster und digitale Publizistinnen und Publizisten
Ausstellungsmacherinnen und Ausstellungsmacher, Vermittlerinnen und Vermittler, Storytelling-Expertinnen und -Experten
Event- und Bühnenakteurinnen und -akteure mit Mischleistungen
Kommunikationsdesignerinnen, Kommunikationsdesigner, Werbetexterinnen und Werbetexter mit Projektsteuerung
Fotografie-, Film-, Sound- und Medienarbeiterinnen und -arbeiter mit Produktions- und Organisationsanteilen
Das System ist stark in klassischen Kategorien gedacht. Die heutige Kultur- und Kreativwirtschaft arbeitet aber interdisziplinär, projektbasiert und hybrid.
Das Aufnahmeverfahren muss grundlegend vereinfacht werden
Die KulturGilde hält es für nicht mehr zeitgemäß, dass selbstständige Kreative ihre Zugehörigkeit über umfangreiche Nachweise, Einzelfallprüfung, Tätigkeitsbeschreibungen, Belege, Verträge, Rechnungen, Arbeitsproben und oft wiederholte Erklärungen beweisen müssen.
Viele Kreative arbeiten allein. Sie haben keine Personalabteilung, keine Rechtsabteilung, keine Buchhaltungsabteilung und oft keine Rücklagen für spezialisierte Beratung. Wer seine Schutzbedürftigkeit nachweisen will, muss sich durch ein System kämpfen, das in vielen Fällen schwer verständlich, langsam und unsicher wirkt.
Die KulturGilde fordert
Digitale Antragstellung statt postalischer Pflichtverfahren
Klare Tätigkeitsprofile statt immer neuer Einzelfallbeweisführung
Standardisierte Anerkennung für typische kreative Berufsbilder
Nachvollziehbare Kriterien für hybride Tätigkeiten
Ombudsstelle für Grenzfälle
Verbindliche Vorabklärung innerhalb kurzer Fristen
Weniger rückwirkende Unsicherheit
Transparente Begründungen bei Ablehnungen
Bessere Widerspruchsberatung
Nutzung vorhandener Daten statt mehrfacher Nachweispflichten
Nachweispflicht neu denken: Vom Belegstapel zum Tätigkeitsprofil
Die KulturGilde schlägt vor, die Zugehörigkeit zur KSK künftig stärker über ein intelligentes Tätigkeitsprofilmodell zu prüfen. Statt Kreative mit umfangreichen Einzelbelegen zu belasten, sollte ein modernes System mehrere Faktoren kombinieren:
Entscheidend muss sein: ob die Erwerbstätigkeit in ihrem wirtschaftlichen Schwerpunkt kreativ oder publizistisch geprägt ist. Nicht jede Nebenleistung, Projektsteuerung oder technische Umsetzung darf automatisch dazu führen, dass kreative Selbstständige aus dem Schutzsystem fallen.
Moderne Kreativarbeit ist hybrid – das muss die KSK anerkennen
Die Trennung zwischen Kunst, Publizistik, Technik, Beratung, Bildung und Dienstleistung ist in der modernen Kultur- und Kreativwirtschaft oft künstlich. Ein Game Designer entwickelt Spielmechaniken, Dramaturgie, Nutzerführung und Erlebnislogik. Eine Kommunikationsdesignerin gestaltet nicht nur Grafiken, sondern entwickelt Markenauftritte und digitale Inhalte. In vielen Fällen ist die kreative Leistung nicht ein einzelner Rechnungsposten, sondern der Kern der gesamten Tätigkeit.
Die KulturGilde fordert eine Ausweitung und Modernisierung der anerkannten kreativen Berufsbilder. Insbesondere neue und hybride Berufsfelder müssen besser abgebildet werden:
Games und interaktive Medien
UX, UI und Experience Design mit kreativer Prägung
Storytelling, Storymaking und Dramaturgie
Digitale Publizistik und Content-Produktion
Kreative Bildungsarbeit
Kulturelle Vermittlung
Kuratorische und museale Konzeptarbeit
Kreativberatung und Innovationsformate
Audiovisuelle Medienproduktion
Digitale Ausstellungs- und Erlebnisformate
KI-gestützte kreative Arbeit, sofern eine eigene schöpferische Leistung vorliegt
Rechnungschaos beenden: Klare Regeln für KSK-pflichtige Leistungsanteile
Ein großes Praxisproblem liegt in der Abgrenzung von KSK-pflichtigen und nicht KSK-pflichtigen Leistungen auf Rechnungen. In vielen Projekten bestehen Leistungen aus mehreren Bestandteilen: Konzept, Text, Gestaltung, Beratung, Technik, Projektmanagement, Reisekosten, Nutzungsrechte, Moderation und Dokumentation.
Diese Unsicherheit belastet beide Seiten: Selbstständige geraten in Erklärungsnot, Unternehmen empfinden kreative Beauftragung als bürokratisches Risiko, Preise geraten unter Druck, und manche Auftraggeber vermeiden direkte Beauftragungen freier Kreativer.
Vorschlag: KSK-Leistungscodes auf Rechnungen
Die KulturGilde schlägt standardisierte KSK-Leistungscodes vor, die direkt auf Rechnungen verwendet werden können:
Vollständig künstlerische oder publizistische Leistung
Überwiegend künstlerische oder publizistische Leistung mit Nebenleistungen
Gemischte Leistung mit getrennt ausgewiesenem künstlerisch / publizistischem Anteil
Nicht künstlerische / publizistische Leistung
Pauschale Projektleistung mit kreativem Schwerpunkt
Ziel wäre nicht zusätzliche Bürokratie, sondern Standardisierung. Auftraggeber könnten die Daten leichter erfassen, Selbstständige müssten nicht bei jedem Projekt neu erklären, welche Teile abgabepflichtig sind.
Auftraggeber entlasten, ohne den Sozialschutz zu schwächen
Die Künstlersozialabgabe ist als Verwerterbeteiligung grundsätzlich richtig. Wer kreative Leistungen wirtschaftlich nutzt, soll an der sozialen Absicherung derjenigen beteiligt werden, die diese Leistungen schaffen.
Aber das Verfahren darf nicht dazu führen, dass die Beauftragung von Solo-Selbstständigen als komplizierter oder riskanter wahrgenommen wird als die Beauftragung größerer Strukturen. In der Praxis erleben viele Selbstständige, dass Auftraggeber die Künstlersozialabgabe faktisch in Preisverhandlungen einpreisen – obwohl die Abgabe rechtlich von den Verwertern getragen wird.
Klare Kommunikation: Künstlersozialabgabe ist Verwerterverantwortung, kein Rabattargument
Bessere Informationsmaterialien für Auftraggeber
Einfache digitale Meldewege
Branchenspezifische Pauschalmodelle
Entlastung kleiner Auftraggeber
Prüfung von Sammel- oder Plattformlösungen
Sichere Rechnungscodes
Keine Honorardrückerei durch Sozialabgaben
Faire Lösung für Grenzfälle: Schutzvermutung einführen
Viele moderne Kreativberufe bewegen sich an Schnittstellen. Genau dort entstehen heute Unsicherheit und Ablehnung. Die KulturGilde fordert eine Grenzfallregelung mit Schutzvermutung:
Wenn eine selbstständige Tätigkeit überwiegend von eigener kreativer, publizistischer, gestalterischer, dramaturgischer, künstlerischer, musikalischer, darstellender, redaktioneller oder medienbezogener Leistung geprägt ist, soll grundsätzlich von KSK-Zugehörigkeit ausgegangen werden, solange keine klaren Ausschlussgründe vorliegen.
Das wäre ein Perspektivwechsel: Nicht die Kreativen müssten übermäßig beweisen, dass sie dazugehören. Das System müsste begründen, warum eine überwiegend kreative Tätigkeit nicht schutzwürdig sein soll.
KSK für die digitale und KI-geprägte Kreativwirtschaft weiterentwickeln
Die Kultur- und Kreativwirtschaft verändert sich rasant. KI, digitale Tools, Plattformen, interaktive Medien, Games, Social Media und neue Publikationsformen verschieben die Grenzen kreativer Arbeit.
Die KSK darf hier nicht an alten Berufsbildern hängen bleiben. KI-gestützte Kreativarbeit kann ebenso schöpferisch sein wie Fotografie, digitales Design, Film, Musikproduktion oder Games-Entwicklung. Entscheidend ist die menschliche kreative Steuerung, Auswahl, Komposition, Gestaltung, Dramaturgie und Verantwortung.
Die 12 Forderungen der KulturGilde
Die KulturGilde fordert eine Reform der Künstlersozialversicherung mit folgenden Punkten:
KSK erhalten und stärken
Die KSK ist ein sozialpolitisch wertvolles Instrument und darf nicht geschwächt werden.
Zugang deutlich verbreitern
Moderne, hybride und digitale Kreativberufe müssen besser erfasst werden.
Nachweispflichten reduzieren
Umfangreiche Belegsammlungen müssen durch digitale, intelligente Tätigkeitsprofile ersetzt werden.
Digitale Antragstellung ermöglichen
KSK-Anträge, Nachweise und Kommunikation müssen vollständig digital möglich sein.
Schutzvermutung bei überwiegend kreativer Tätigkeit einführen
Wer überwiegend kreativ oder publizistisch arbeitet, soll grundsätzlich Zugang erhalten, sofern keine klaren Ausschlussgründe vorliegen.
Abgabepflicht und Versicherungszugang besser verbinden
Wiederkehrend KSK-pflichtige Leistungen müssen ein starkes Indiz für KSK-Zugehörigkeit sein.
KSK-Leistungscodes für Rechnungen einführen
Standardisierte Codes sollen Auftraggebern und Selbstständigen Sicherheit geben.
Klare Regeln für gemischte Leistungen schaffen
Konzept, Gestaltung, Beratung, Technik, Projektmanagement und Nebenleistungen müssen verständlich und praxistauglich eingeordnet werden.
Auftraggeber entlasten
Melde- und Aufzeichnungspflichten müssen einfacher, digitaler und nachvollziehbarer werden.
Honorardruck verhindern
Die Künstlersozialabgabe darf nicht faktisch zu Preisnachlässen der Selbstständigen führen.
Ombudsstelle für KSK-Grenzfälle schaffen
Kreative Selbstständige brauchen unabhängige Unterstützung bei strittiger Einordnung.
Kultur- und Kreativwirtschafts-Check für KSK-Reformen einführen
Jede Reform muss auf ihre Wirkung für Solo-Selbstständige, hybride Erwerbsformen, Teilbranchen und kleine Auftraggeber geprüft werden.
Statement des KulturGilde-Vorsitzenden
„Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist ein Labor der Arbeitswelt von morgen. Hier entstehen neue Berufsbilder, neue Formen der Selbstständigkeit, neue digitale Leistungen und neue Mischformen zwischen Kunst, Technik, Bildung, Kommunikation und Innovation. Ein Sozialversicherungssystem, das diese Realität nicht erkennt, produziert Unsicherheit, Ungerechtigkeit und Altersarmut. Deshalb gilt: KSK reformieren. Kreative besser absichern. Bürokratie abbauen. Zugang verbreitern. Auftraggeber entlasten."
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Über die KulturGilde
Die KulturGilde ist ein Verband der Kultur- und Kreativwirtschaft. Sie vertritt die Interessen von Kreativen, Kulturschaffenden, Freiberuflerinnen und Freiberuflern, Solo-Selbstständigen, kleinen Unternehmen und Netzwerken der Branche.
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