Die neuen Zahlen des Statistischen Bundesamts zur Erwerbstätigkeit in Kulturberufen und kulturrelevanten Wirtschaftszweigen machen deutlich: Kultur- und Kreativwirtschaft ist kein schmückendes Beiwerk. Sie ist ein relevanter Teil des Arbeitsmarkts, des Mittelstands und der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland.
2024 arbeiteten laut Sonderauswertung des Mikrozensus rund 1,285 Millionen Menschen in Kulturberufen. In kulturrelevanten Wirtschaftszweigen waren sogar rund 2,616 Millionen Menschen tätig. Dazu gehören nicht nur klassische Kunst- und Kulturberufe, sondern auch Bereiche wie Design, Medien, Werbung, Architektur, Software, IT-Dienstleistungen, Film, Fotografie, Übersetzen, Museen, Bibliotheken und kreative Dienstleistungen.
Für die KulturGilde ist klar: Wer über Wirtschaftspolitik, Fachkräfte, Gründung, Digitalisierung, Mittelstand und Standortentwicklung spricht, darf die Kultur- und Kreativwirtschaft nicht länger nur mitmeinen. Sie muss politisch sichtbar, wirtschaftlich ernst genommen und strukturell besser unterstützt werden.
Kulturwirtschaft ist mehr als Kulturförderung
Viele Debatten über Kultur- und Kreativwirtschaft werden noch immer zu eng geführt. Häufig wird sie ausschließlich in Kulturressorts verortet. Das greift zu kurz.
Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist auch Wirtschaftspolitik, Arbeitsmarktpolitik, Mittelstandspolitik, Gründungspolitik, Digitalpolitik, Stadtentwicklung, Innovationspolitik und Sozialpolitik.
Gerade in Bayern zeigt sich die wirtschaftliche Bedeutung besonders deutlich. Der Freistaat gehört bei den Erwerbstätigen in Kulturberufen und kulturrelevanten Wirtschaftszweigen zu den stärksten Standorten in Deutschland. Daraus folgt eine politische Verantwortung: Bayern braucht eine Kreativwirtschaftspolitik, die über einzelne Förderprogramme hinausgeht.
Selbstständigkeit ist in der Kreativwirtschaft Struktur, nicht Ausnahme
Die Destatis-Zahlen zeigen außerdem, wie stark die Kultur- und Kreativwirtschaft durch Selbstständigkeit geprägt ist. Während der Selbstständigenanteil im Gesamtarbeitsmarkt bei rund 9 Prozent liegt, beträgt er in Kulturberufen rund ein Drittel. In einzelnen Bereichen ist er noch deutlich höher.
Das ist kein Sonderfall und kein Problem an sich. Es ist ein Strukturmerkmal dieser Branche.
Projektarbeit, wechselnde Auftraggeber, freie Teams, künstlerische Eigenleistung, kreative Entwicklung, zeitlich begrenzte Produktionen und individuelle Auftragsverhältnisse gehören in vielen Bereichen zur beruflichen Realität. Eine Regulierung, die diese Arbeitsformen pauschal unter Verdacht stellt, gefährdet funktionierende Märkte.
Die KulturGilde fordert deshalb eine realistische Regulierung von Selbstständigkeit. Statusfeststellung und Scheinselbstständigkeitsprüfung müssen die tatsächlichen Arbeitsweisen der Kultur- und Kreativwirtschaft berücksichtigen. Wer unternehmerisch auftritt, eigene Preise kalkuliert, mehrere Auftraggeber hat, kreative Eigenleistung erbringt und projektbezogen arbeitet, braucht Rechtssicherheit statt nachträglicher Risiken. Mehr dazu in unserer Position zur Scheinselbstständigkeitsreform.
Kreative Arbeit darf nicht unter Wert eingekauft werden
Die Studie zeigt zugleich die angespannte Einkommenssituation vieler Erwerbstätiger in Kulturberufen. Ein erheblicher Anteil liegt im niedrigen Einkommensbereich. Besonders betroffen sind unter anderem bildende Kunst, Kunsthandwerk, Fotografie, Darstellende Kunst und Teile des Kulturhandels.
Das Problem entsteht nicht nur durch fehlende Nachfrage. Es entsteht auch durch schlechte Marktbedingungen, zu niedrige Honorare, verspätete Zahlungen, kleinteilige Bürokratie und öffentliche Ausschreibungen, die Kreativleistungen zu oft wie austauschbare Standardware behandeln.
Öffentliche Auftraggeber prägen Märkte. Wenn Kommunen, Ministerien, Behörden, öffentliche Einrichtungen oder geförderte Projekte kreative Leistungen billig, spät oder bürokratisch einkaufen, verschärfen sie genau jene Probleme, die politisch anschließend beklagt werden.
Die KulturGilde fordert deshalb faire öffentliche Aufträge für Kreativleistungen:
- realistische Budgets
- transparente Vergabekriterien
- faire Zahlungsziele
- angemessene Honorare
- Berücksichtigung qualitativer Kriterien
- weniger bürokratische Hürden für kleine Anbieter
- bessere Chancen für Selbstständige, freie Teams und kleine Kreativunternehmen
Bayern braucht ein Kreativwirtschaftsprogramm
Die Zahlen zeigen: Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist groß genug, um wirtschaftspolitisch ernst genommen zu werden. Gleichzeitig ist sie kleinteilig genug, um durch klassische Förderlogiken häufig durchs Raster zu fallen.
Deshalb braucht Bayern ein eigenes Kreativwirtschaftsprogramm, das auf die Realität der Branche zugeschnitten ist. Dazu gehören niedrigschwellige Förderinstrumente, Beratung, Netzwerkstrukturen und gezielte Unterstützung für Gründung, Wachstum, Kooperation und Innovation.
Ein zentraler Baustein sollte ein Creative Startup Voucher sein. Kreative Gründungsideen, kleine Innovationsprojekte, neue Geschäftsmodelle, digitale Produkte, Games, Designleistungen, Medienformate, Kulturtechnologien, kreative Dienstleistungen und kooperative Projekte brauchen oft keine millionenschweren Programme, sondern schnelle, einfache und verlässliche Anschubfinanzierung.
Die KulturGilde fordert ein bayerisches Kreativwirtschaftsprogramm mit:
- einem Creative Startup Voucher
- niedrigschwelliger Projektförderung
- Beratungsangeboten für Selbstständige und KMU
- Unterstützung bei Marktzugang und Professionalisierung
- Förderzugängen für kleine Kreativunternehmen
- Anreizen für Kooperationen zwischen Kreativwirtschaft, Industrie, Tourismus, Bildung, Kommunen und sozialen Einrichtungen
Bessere Daten für Bayern, Franken und die Bezirke
Die Sonderauswertung des Statistischen Bundesamts liefert wichtige Bundeszahlen. Für konkrete politische Entscheidungen vor Ort reicht das jedoch nicht aus.
Bayern, Franken, Mittelfranken und die Kommunen brauchen regelmäßig ausgewertete Daten zur Kultur- und Kreativwirtschaft. Nur so lassen sich Entwicklungen erkennen, Förderbedarfe begründen und politische Maßnahmen sinnvoll steuern.
Die KulturGilde fordert deshalb eine bessere regionale Datenlage:
- regelmäßige Auswertungen für Bayern
- vertiefende Betrachtungen auf Bezirksebene
- stärkere Sichtbarkeit von KMU und Solo-Selbstständigen
- bessere Erfassung von Teilmärkten wie Games, Design, Software, Medien, Architektur, Werbung, Kultur, Musik, Film und Kreativdienstleistungen
- nutzbare Daten für Kommunen, Wirtschaftsförderungen, Landtag, Ministerien und Verbände
