Die Studie „Kultur als Standortfaktor in Berlin" des Instituts für Kulturelle Teilhabeforschung zeigt eindrucksvoll, was in kulturpolitischen Debatten zu oft ausgeblendet wird: Kultur ist nicht nur Ausdruck von Bildung, Identität und gesellschaftlicher Offenheit. Kultur ist auch ein handfester Standortfaktor.
Die Untersuchung analysiert ökonomische, soziale, gesundheitliche und touristische Effekte von Kulturförderung zusammen. Sie zeigt am Beispiel Berlin, dass öffentliche Kulturförderung weit über die geförderten Einrichtungen hinaus wirkt: in Wertschöpfungsketten, Beschäftigung, Tourismus, Stadtentwicklung, Lebensqualität, Gesundheit, Teilhabe und Attraktivität für Unternehmen.
Für die KulturGilde ist das ein wichtiger Befund – auch über Berlin hinaus. Denn die Grundfrage stellt sich in Bayern genauso: Wird Kultur als Ausgabe betrachtet, die man in schwierigen Haushaltslagen kürzt? Oder wird sie als Infrastruktur verstanden, die Wertschöpfung, Fachkräftebindung, Gründung, Tourismus, Innovation und gesellschaftlichen Zusammenhalt ermöglicht?
Kulturförderung wirkt weit über die Kultureinrichtungen hinaus
Kulturförderung endet nicht an der Theaterkasse, im Museumsshop oder im Konzertsaal. Sie löst Nachfrage bei Technikfirmen, Handwerk, Gastronomie, Hotellerie, Mobilität, Handel, Design, Kommunikation, Sicherheitsdiensten, Veranstaltungswirtschaft, Druckereien, Agenturen, Softwaredienstleistern und vielen freien Kreativen aus.
Gerade deshalb greift die übliche Gegenüberstellung von „Kultur" und „Wirtschaft" zu kurz. Kultur ist Teil wirtschaftlicher Wertschöpfung. Und die Kultur- und Kreativwirtschaft ist eine Querschnittsbranche, die weit mehr umfasst als klassische Kunst- und Bühnenbetriebe.
Zur Kultur- und Kreativwirtschaft gehören unter anderem:
- Musik, Kunstmarkt, darstellende Kunst und Literatur
- Film, Rundfunk, Presse, Buchmarkt und Fotografie
- Design, Mode, Architektur, Werbung und Kommunikationswirtschaft
- Software, Games, digitale Medien, immersive Technologien und kreative IT-Dienstleistungen
- Veranstaltungswirtschaft, Kulturvermittlung, kulturelle Bildung und freie Projektarbeit
Die IKTf-Studie macht deutlich: Besonders stark ist die Wirkung dort, wo Kultur viele Menschen erreicht, touristische Nachfrage auslöst, Beschäftigung schafft und mit anderen Branchen verflochten ist. Für die KulturGilde heißt das: Kulturförderung muss künftig stärker als Teil einer strategischen Wirtschafts-, Tourismus-, Innovations- und Standortpolitik gedacht werden.
Roland Weiniger, Vorstandsvorsitzender der KulturGilde„Die Berliner Studie liefert genau die Zahlen, die in vielen politischen Debatten fehlen. Kultur kostet nicht nur. Kultur bringt Standorte in Bewegung. Sie erzeugt Aufträge, Arbeitsplätze, touristische Nachfrage, Sichtbarkeit und Lebensqualität. Wer Kulturförderung nur als freiwillige Leistung behandelt, unterschätzt ihren Wert für Wirtschaft, Stadtentwicklung und gesellschaftlichen Zusammenhalt."
Zugleich warnt die KulturGilde davor, die Ergebnisse falsch zu verkürzen. Kultur darf nicht allein nach Rückflüssen pro Euro bewertet werden. Kleine freie Bühnen, Off-Spaces, Ateliers, Literaturformate, Musikinitiativen, Games-Studios, Designbüros, soziokulturelle Orte oder kulturelle Bildungsprojekte erzeugen oft Effekte, die sich nicht sofort in Ticketzahlen oder touristischen Ausgaben messen lassen. Sie sind aber entscheidend für Nachwuchs, Innovation, Teilhabe, lokale Identität und kreative Ökosysteme.
Die Freie Szene und Solo-Selbstständige sind wirtschaftliche Basis, nicht Randgruppe
Besonders relevant ist der Blick auf die Freie Szene und die vielen Solo-Selbstständigen. Die Studie zeigt am Beispiel Berlin, dass gerade in den klassischen Kulturmärkten Bildende Kunst, Musik und Darstellende Kunst eine große Zahl selbstständig arbeitender Akteurinnen und Akteure erhebliche Wertschöpfung erzeugt – häufig bei gleichzeitig niedrigen individuellen Einkommen.
Das ist ein struktureller Widerspruch, den die KulturGilde aus vielen Gesprächen mit Kreativen, Freiberufler:innen, Selbstständigen und kleinen Kreativunternehmen kennt: Die Branche schafft kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Mehrwert, aber viele ihrer Trägerinnen und Träger arbeiten unter wirtschaftlich schwierigen Bedingungen. Wer diese Basis schwächt, schwächt nicht nur einzelne Künstlerinnen, Kreative oder Freiberufler. Er schwächt ganze Standortsysteme.
Was Bayern daraus lernen sollte
Berlin ist nicht Bayern. Aber die zentrale Erkenntnis ist übertragbar: Wo Kultur sichtbar, zugänglich und strukturell unterstützt wird, entsteht mehr als ein schönes Freizeitangebot. Es entsteht Standortqualität.
Gerade in Bayern wird viel über Hightech, Fachkräfte, Tourismus, Innenstädte, Gründungen, Transformation und regionale Wertschöpfung gesprochen. Die Kultur- und Kreativwirtschaft berührt all diese Themen. Sie gestaltet Räume, Marken, digitale Produkte, Erlebnisse, Ausstellungen, Festivals, Kommunikation, Spiele, Filme, Musik, Bilder, Texte, Architektur und öffentliche Debatten.
Deshalb braucht Bayern eine deutlich stärkere kultur- und kreativwirtschaftliche Perspektive in der Wirtschafts- und Standortpolitik.
