Politisches Statement · KulturGildeBildung und Fachkräfte

Kreatives Denken gehört zur Grundbildung

Bayern stärkt Deutsch und Mathematik. Zugleich können Kunst, Musik sowie Werken und Gestalten in der Grundschule je nach Entscheidung der Schule ein- oder zweistündig unterrichtet werden. Die KulturGilde fordert eine Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik, die kreative, soziale und analytische Fähigkeiten gemeinsam entwickelt und sichtbar macht.

12. August 2026 · KulturGilde

Politisches Statement der KulturGilde

Gisela Schmalz beschreibt in ihrem neuen Buch Fetisch Intelligenz, wie ein enger Intelligenzbegriff Menschen sortiert und den Blick auf ihre Fähigkeiten verengt. Die Debatte betrifft unmittelbar die Kultur- und Kreativwirtschaft. Ihre Berufe beruhen auf Wissen und Analyse, aber ebenso auf Gestaltung, Perspektivwechsel, Erfahrung, Empathie und ästhetischem Urteil.

Schule und Arbeitswelt erklären viele dieser Fähigkeiten längst für wichtig. Ihre Prüfungen, Auswahlverfahren und Kennzahlen behandeln sie jedoch weiterhin ungleich.

Messbarkeit prägt politische Prioritäten

Deutsch und Mathematik sind unverzichtbar. Kinder müssen sicher lesen, schreiben und rechnen können. Gemessene Defizite in diesen Fächern führen deshalb zu zusätzlichen Unterrichtsstunden, Diagnoseinstrumenten und Fortbildungen.

Kreatives Denken lässt sich ebenfalls untersuchen. Der Aufwand ist höher. Die OECD arbeitete bei PISA 2022 mit offenen Aufgaben aus den Bereichen sprachlicher und visueller Ausdruck sowie soziale und wissenschaftliche Problemlösung. Die Antworten mussten anhand festgelegter Kriterien von Menschen beurteilt werden. Ein standardisierter Test mit einer richtigen Lösung ist leichter, schneller und günstiger auszuwerten.

Diese institutionelle Logik begünstigt Fähigkeiten, die sich einfach prüfen und vergleichen lassen. Sie sagt wenig darüber aus, welche Fähigkeiten Kinder, Unternehmen oder eine demokratische Gesellschaft insgesamt benötigen.

Die deutschen PISA-Ergebnisse zum kreativen Denken zeigen eine konkrete Lücke. Nur 53 Prozent der befragten Jugendlichen gaben an, von ihren Lehrkräften genügend Zeit für kreative Lösungen zu erhalten. 59 Prozent erlebten, dass ihre Kreativität wertgeschätzt wird. Deutschland erreichte mit 33 von 60 Punkten den OECD-Durchschnitt.

Mathematische und kreative Fähigkeiten hängen zusammen. Sie sind aber nicht deckungsgleich. In Deutschland gehörte nur etwa ein Viertel der besonders kreativen Jugendlichen zugleich zur mathematischen Spitzengruppe. Wer Begabung vor allem über klassische Kernfächer erkennt, übersieht einen Teil der vorhandenen Fähigkeiten.

Der Zugang ist außerdem sozial ungleich. Jugendliche aus sozioökonomisch begünstigten Familien lagen beim kreativen Denken in Deutschland elf Punkte vor benachteiligten Jugendlichen. Der Abstand war größer als im OECD-Mittel. Verbindliche kreative Lerngelegenheiten in der Schule sind deshalb auch eine Frage der Bildungsgerechtigkeit.

Bayern muss die Folgen seiner PISA-Offensive prüfen

Der Freistaat hat zum Schuljahr 2024/25 in allen vier Grundschuljahrgängen zusätzliche Deutschstunden und in der ersten und dritten Klasse jeweils eine weitere Mathematikstunde eingeführt. Kunst, Musik sowie Werken und Gestalten wurden flexibilisiert. Die einzelnen Schulen können diese Fächer nach Angaben des Staatsinstituts für Schulqualität und Bildungsforschung ein- oder zweistündig unterrichten.

Das Kultusministerium bezeichnet kulturelle Bildung zugleich als gleichwertiges Bildungsziel. Es hebt ihren Beitrag zu Kreativität, sozial-emotionalen Fähigkeiten, Teilhabe und Bildungsgerechtigkeit hervor. Dieser Anspruch braucht eine überprüfbare Entsprechung im Schulalltag.

Die Stärkung von Deutsch und Mathematik ist richtig. Die musisch-kreativen Fächer dürfen dafür nicht dauerhaft die verfügbare Zeit liefern. Kinder entwickeln dort nicht nur künstlerische Fertigkeiten. Sie entwerfen eigene Lösungen, verwerfen unbrauchbare Ansätze, bearbeiten Material, hören einander zu, deuten Wirkungen und präsentieren Ergebnisse. Diese Arbeitsweisen unterstützen auch sprachliches, mathematisches, naturwissenschaftliches und soziales Lernen.

Kreatives Denken gehört deshalb nicht allein in Kunst- oder Musikstunden. Es muss in mehreren Fächern gelehrt und geübt werden. Die Fachstunden bleiben dafür wichtig: Ohne gestalterische Praxis, Zeit und fachliche Anleitung wird Kreativität schnell zu einer Erwartung, für deren Entwicklung niemand zuständig ist.

Die Arbeitswelt verlangt bereits eine breitere Mischung

In der Arbeitgeberbefragung für den Future of Jobs Report 2025 blieb analytisches Denken die am häufigsten genannte Kernkompetenz. Kreatives Denken lag auf Rang vier; Empathie und aktives Zuhören gehörten ebenfalls zu den zehn wichtigsten Fähigkeiten. Die Befragung bildet Erwartungen von Unternehmen ab, nicht automatisch ihre tatsächliche Einstellungs- und Vergütungspraxis.

Hier liegt ein Teil des Problems. Abschlüsse, Noten und frühere Stellenbezeichnungen lassen sich leicht filtern. Ideenreichtum, Nutzerverständnis, ästhetisches Urteil oder die Fähigkeit, eine unklare Situation sinnvoll zu strukturieren, werden meist erst in einer Arbeitsprobe oder im gemeinsamen Projekt sichtbar. Die OECD empfiehlt deshalb Auswahlverfahren, die nachweisbare Fähigkeiten stärker berücksichtigen: klar beschriebene Kompetenzanforderungen, strukturierte praktische Aufgaben und arbeitsbezogene Gespräche.

KI erhöht die Bedeutung dieser Mischung. Nach einer OECD-Auswertung von 2026 sind Tätigkeiten mit nicht routinemäßigen kognitiven, sozialen und kreativen Anforderungen insgesamt weniger automatisierungsgefährdet als Routinetätigkeiten. Das schützt nicht jeden kreativen Beruf und nicht jede Aufgabe. Es zeigt aber, warum eine auf standardisierbare Leistungen verengte Qualifizierung wirtschaftlich zu kurz greift.

Was die Kultur- und Kreativwirtschaft beitragen kann

Kreativität, Intuition und Empathie sind in kreativen Berufen keine unverbindlichen Persönlichkeitseigenschaften. Sie werden als professionelle Fähigkeiten eingesetzt und mit Analyse verbunden.

Ein Game Designer entwickelt Regeln, testet Nutzerverhalten und gestaltet Motivation. Eine Designerin prüft, ob Menschen eine digitale Anwendung verstehen und bedienen können. Filmschaffende und Autorinnen übersetzen komplexe Zusammenhänge in nachvollziehbare Erzählungen. Theaterpädagoginnen trainieren Wahrnehmung, Rollenwechsel, Ausdruck und Zusammenarbeit. Musiker arbeiten an Timing, Aufmerksamkeit und dem Zusammenspiel einer Gruppe.

Schulen und Unternehmen können diese Kompetenzen nutzen, wenn Kreativschaffende früh und bezahlt eingebunden werden. Ein Projekttag ohne Fortsetzung ersetzt keinen Unterricht. Sinnvoll sind klar beschriebene Aufgaben, gemeinsame Vorbereitung mit Lehrkräften oder Teams, professionelle Honorare und eine Auswertung der Ergebnisse.

Vier konkrete Schritte für Bayern

  1. Die Flexibilisierung der Grundschule auswerten. Das Kultusministerium sollte bis zum Ende des Schuljahres 2026/27 veröffentlichen, wie häufig Kunst, Musik sowie Werken und Gestalten ein- oder zweistündig erteilt werden. Die Auswertung sollte Unterschiede zwischen Regierungsbezirken, Stadt und Land sowie Schulen in unterschiedlichen sozialen Lagen sichtbar machen. Einzelne Schulen müssen dafür nicht öffentlich gerankt werden.

  2. Kreatives Denken fächerübergreifend verankern. Kultusministerium, ISB und Akademie für Lehrerfortbildung sollten auf Grundlage des OECD-Rahmens offene Aufgaben, Projektarbeit und geeignete Portfolios für Deutsch, Heimat- und Sachunterricht, Naturwissenschaften und gesellschaftswissenschaftliche Fächer entwickeln. Das ergänzt fachliche Leistungsnachweise; es verlangt keine neue landesweite Testserie.

  3. Vorhandene Programme breiter nutzbar machen. Kulturtag, Kulturschule Bayern, Kunstgrundschulen und bestehende Landesarbeitsgemeinschaften bieten bereits Ansätze. Der Freistaat sollte ab dem Schuljahr 2027/28 jeder Schule ein verlässliches Budget für mindestens ein professionell begleitetes kreatives Projekt pro Jahr zugänglich machen. Honorare, Vorbereitung und Material gehören in die Finanzierung. Angebote müssen auch außerhalb der großen Städte erreichbar sein.

  4. Fähigkeiten in der Arbeitswelt praktisch prüfen. Der Freistaat als Arbeitgeber sowie Wirtschaftsministerium, Kammern und Verbände sollten zweijährige Modellvorhaben für kompetenzorientierte Auswahlverfahren starten. Geeignet sind zunächst Tätigkeiten in Kommunikation, digitalen Diensten, Gestaltung und Projektentwicklung, für die keine gesetzlich vorgeschriebene Qualifikation besteht. Arbeitsproben und strukturierte praktische Aufgaben können formale Abschlüsse ergänzen. Besetzungsdauer, Bewerberkreis und Bewährung im Arbeitsalltag sollten ausgewertet werden.

Bayern braucht Menschen, die eine Aufgabe analysieren, verschiedene Lösungen entwickeln, deren Wirkung auf andere einschätzen und ein Ergebnis verständlich umsetzen können. Schulen, Verwaltung und Unternehmen sollten diese Kombination gezielt entwickeln und anerkennen. Die Kultur- und Kreativwirtschaft kann dafür erprobte Arbeitsweisen und qualifizierte Partner einbringen.

Erfahrungen aus der Praxis gesucht

Welche Schulen, Kreativschaffenden und Unternehmen arbeiten bereits mit offenen Aufgaben, Portfolios, Arbeitsproben oder längerfristigen Kreativprojekten? Die KulturGilde sammelt Beispiele aus Bayern sowie Hinweise auf praktische Hürden. Die Erfahrungen sollen in die weitere bildungs- und wirtschaftspolitische Arbeit einfließen.

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