Rentenkommission: Altersvorsorge darf Solo-Selbstständige nicht überfordern
Die KulturGilde fordert eine Rentenreform, die die Realität der Kultur- und Kreativwirtschaft ernst nimmt
Position der KulturGilde
Die Empfehlungen der Alterssicherungskommission sind ein wichtiger Anlass, über die Zukunft der Altersvorsorge in Deutschland zu sprechen. Aus Sicht der KulturGilde ist dabei klar: Wer Selbstständige und Freiberuflerinnen und Freiberufler stärker in die gesetzliche Rentenversicherung einbeziehen will, muss ihre Arbeitsrealität verstehen.
Eine bessere Altersabsicherung ist notwendig. Aber sie darf nicht so gestaltet werden, dass ausgerechnet diejenigen zusätzlich belastet werden, die heute schon wirtschaftlich am Limit arbeiten.
Warum das für Solo-Selbstständige in der Kreativwirtschaft wichtig ist
Viele Kreative arbeiten selbstständig, projektbezogen, mit schwankenden Einkommen und hohem persönlichen Einsatz. Sie gestalten Kampagnen, Bücher, Musik, Ausstellungen, Bühnen, Filme, Spiele, digitale Anwendungen, Veranstaltungen, Bildungsformate und kulturelle Räume. Sie schaffen Wert, Sichtbarkeit, Innovation und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Trotzdem sammeln viele von ihnen kaum belastbare Rentenansprüche.
Grundsatz
Pflicht zur Vorsorge ja – aber nicht als pauschale Belastung
Der Grundgedanke ist richtig: Altersarmut darf nicht länger als privates Risiko einzelner Erwerbsformen behandelt werden. Wer arbeitet, muss auch im Alter abgesichert sein. Doch eine Rentenversicherungspflicht für Solo-Selbstständige kann nur dann gerecht sein, wenn sie einkommensabhängig, bürokratiearm und branchengerecht ausgestaltet wird.
In der Kultur- und Kreativwirtschaft gibt es keine gleichmäßigen Monatsgehälter, keine Arbeitgeberanteile, keine automatische betriebliche Altersvorsorge und oft keine kalkulierbaren Einnahmen über das Jahr hinweg. Eine Reform, die diese Realität ignoriert, schützt nicht vor Altersarmut. Sie verschärft den Existenzdruck in der Gegenwart.
Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist kein Sonderfall – sie ist ein Frühwarnsystem
Was heute viele Kreative erleben, betrifft zunehmend auch andere Erwerbsformen: wechselnde Tätigkeiten, hybride Berufsbiografien, projektbasierte Arbeit, Solo-Unternehmertum, Wissensarbeit, digitale Dienstleistungen und freie Kooperationen. Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist deshalb kein Randbereich der Rentendebatte. Sie ist ein Frühwarnsystem für die Arbeitswelt der Zukunft.
Wer eine moderne Erwerbstätigenversicherung will, darf nicht nur klassische Normalarbeitsverhältnisse in ein neues System verlängern. Die Rentenreform muss auch für Menschen funktionieren, die nicht in festen Beschäftigungsstrukturen arbeiten, aber dennoch dauerhaft wirtschaftliche und gesellschaftliche Wertschöpfung leisten.
Künstlerinnen und Künstler, Musikerinnen und Musiker, Autorinnen und Autoren
Freie Journalistinnen und Journalisten, Designerinnen und Designer
Fotografinnen und Fotografen, Filmemacherinnen und Filmemacher
Game Designer, UX-Expertinnen und -Experten
Kreativdozentinnen und -dozenten, Kuratorinnen und Kuratoren
Kulturmanagerinnen und -manager, Museumspädagoginnen und -pädagogen
Veranstaltungsmacherinnen und -macher, Social-Media-Produzentinnen und -produzenten
Werberinnen und Werber, software-nahe Kreative und hybride Berufsbilder
Rentenreform und Künstlersozialkasse müssen zusammengedacht werden
Besonders deutlich wird das Problem an der Schnittstelle zur Künstlersozialkasse. Die KSK ist für viele Kreative ein unverzichtbares Instrument sozialer Absicherung. Gleichzeitig fallen viele Solo-Selbstständige trotz überwiegender kreativer Leistung durch das Raster oder scheitern an komplizierten Nachweis-, Abgrenzungs- und Zuordnungsfragen.
Deshalb kann eine Rentenreform für Selbstständige nicht losgelöst von der KSK diskutiert werden.
Verwandte Position
Künstlersozialkasse reformieren: Gutes Instrument, ungerechtes Verfahren, zu enger Zugang
Die KulturGilde fordert, dass die KSK modernisiert, entbürokratisiert und für neue hybride Berufsbilder der Kultur- und Kreativwirtschaft geöffnet werden muss.
Position lesenOhne Auftraggeberbeteiligung droht eine Schieflage
Bei abhängig Beschäftigten werden Sozialversicherungsbeiträge paritätisch finanziert. Selbstständige tragen ihre Vorsorge dagegen häufig allein. Wird zusätzlich eine kapitalgedeckte Rentenkomponente eingeführt, stellt sich für Solo-Selbstständige eine entscheidende Frage: Wer übernimmt den Teil, der bei Beschäftigten dem Arbeitgeberanteil entspricht?
Wenn Selbstständige faktisch beide Seiten selbst zahlen müssen, wird aus sozialer Absicherung schnell eine Überlastung. Gerade bei kleinen und schwankenden Einkommen kann das dazu führen, dass Beiträge nicht aus zusätzlicher Vorsorgekraft gezahlt werden, sondern aus dem ohnehin knappen Einkommen für Lebenshaltung, Miete, Krankenversicherung, Steuern und Betriebskosten.
Wer kreative Leistungen verwertet, beauftragt oder wirtschaftlich nutzt, muss angemessen an der sozialen Absicherung beteiligt werden. Das Prinzip der Auftraggeber- und Verwerterbeteiligung darf nicht geschwächt, sondern muss für neue kreative Erwerbsformen weiterentwickelt werden.
Altersarmut verhindern heißt: Beiträge müssen sich sichtbar lohnen
Viele Kreative haben keine klassische 45-Jahre-Erwerbsbiografie. Ihre Laufbahnen bestehen aus Selbstständigkeit, Projektarbeit, kurzen Anstellungen, Honorartätigkeiten, Weiterbildungsphasen, Care-Arbeit, Krankheit, Krisen, Auftragslücken und unbezahlter Entwicklung eigener Ideen.
Wenn diese Menschen künftig verpflichtend Beiträge zahlen, muss sich das im Alter auch auswirken. Beiträge dürfen nicht vollständig in der Grundsicherung verschwinden. Wer gearbeitet und eingezahlt hat, muss im Alter spürbar mehr haben als jemand ohne Beitragsleistung.
Die KulturGilde unterstützt Freibeträge für gesetzliche Renten in der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung. Beitragszahlung muss sich auch bei kleinen Renten lohnen. Das ist eine Frage der Gerechtigkeit – aber auch der Akzeptanz eines Pflichtversicherungssystems.
Unsere Forderungen
Die KulturGilde fordert eine Rentenreform, die Solo-Selbstständige, Freiberuflerinnen und Freiberufler und kleine Kreativunternehmen nicht überfordert, sondern wirksam absichert:
Einkommensabhängige Beiträge als Standardmodell
Für Selbstständige mit kleinen oder schwankenden Einkommen müssen einkommensabhängige Beiträge der Standard sein, keine Ausnahme.
Keine pauschalen Regelbeiträge
Pauschale Beiträge, die sich an stabileren Erwerbsformen orientieren, gehen an der Realität der Kultur- und Kreativwirtschaft vorbei.
Mehrjahresbetrachtungen und flexible Anpassungen
Projekt- und saisonabhängige Einkommen müssen über mehrere Jahre realistisch berücksichtigt werden.
Unbürokratische Reduzierungsmöglichkeiten
Bei Auftragsausfällen, Krankheit, Krisen oder Projektlücken müssen Beiträge schnell und einfach angepasst werden können.
Verbindliche Verbindung von Renten- und KSK-Reform
Beide Reformen betreffen dieselben Menschen und müssen zusammengedacht werden.
Modernisierung der Künstlersozialkasse
Die KSK muss für hybride kreative Berufsbilder geöffnet und entbürokratisiert werden.
Klare Regeln für KSK-pflichtige Leistungen
Rechnungsbestandteile und Abgabepflichten müssen einfach, klar und rechtssicher sein.
Faire Auftraggeber- und Verwerterbeteiligung
Wer kreative Leistungen wirtschaftlich nutzt, muss angemessen an der sozialen Absicherung beteiligt werden.
Starke Freibeträge in der Grundsicherung
Beitragsleistung muss sich im Alter sichtbar auszahlen. Wer eingezahlt hat, muss spürbar mehr haben als ohne Beiträge.
Eigener Branchendialog für die Kultur- und Kreativwirtschaft
Die betroffenen Berufsgruppen müssen in der Rentendebatte eine eigene Stimme bekommen – nicht als Bittstellende, sondern als Teil der Wirtschaft.
Statement des KulturGilde-Vorsitzenden
„Die KulturGilde begrüßt, dass die Rentenkommission Selbstständige und Freiberuflerinnen und Freiberufler stärker in den Blick nimmt. Doch gute Rentenpolitik entsteht nicht am Schreibtisch allein. Sie muss mit den Menschen entwickelt werden, die betroffen sind. Solo-Selbstständige und Freiberuflerinnen und Freiberufler brauchen keine Reform, die ihnen pauschal neue Lasten auflegt. Sie brauchen eine Reform, die soziale Sicherheit schafft, ohne ihre wirtschaftliche Existenz zu gefährden."
Begleitende Pressemitteilung
Zur politischen Position der KulturGilde zur Rentenkommission gibt es auch eine Pressemitteilung vom 23. Juni 2026.
Wie sieht es in Ihrer Praxis aus?
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